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Freundschaft mit einem Präsidenten : Was Barack mir so schreibt

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Schlechtes Gewissen

Drei Monate zuvor hatte sich Michelle Obama zum ersten Mal bei mir gemeldet. Damals war es um Baracks fünfzigsten Geburtstag gegangen, es war eine sehr persönliche Nachricht, sie trug den Betreff „Graue Haare“. Sie seien durch schwierige Zeiten gegangen, ihr Mann und sie, schrieb Michelle, und wenn sie jetzt sehe, wie er jeden Tag Entscheidungen treffe, die jede amerikanische Familie beeinflussen, dann finde sie, er habe sich jedes seiner grauen Haare verdient. Zu seinem Geburtstag hätten sie und die Mädchen sich nun ein besonderes Geschenk ausgedacht. Wie sich herausstellte, bestand es in einer Geburtstagskarte, die ihm Leute wie ich schreiben sollten, wofür es praktischerweise bereits einen Vordruck gab, in den ich nur meinen Namen und meinen Wunsch eintragen musste. Beides, so wurde mir versichert, werde dem Präsidenten hinterbracht werden. Ein paar Monate darauf hatte Jill Biden, die Frau des Vizepräsidenten, zum Geburtstag ihres Mannes diesselbe besondere Geschenkidee.

Als Barack Obama sich vor ein paar Tagen zum letzten Mal bei mir meldete, ging es ebenfalls um einen Geburtstag. Die Sache mit dem Essen schien sich erledigt zu haben, nachdem ich den letzten Termin für eine Spende verpasst hatte. In der entsprechende Mail hatte Barack Obama mich einfach nur noch mit „Hey“ angesprochen und gesagt, dass es diesmal wirklich darauf ankomme, die abschließenden Neujahrswünsche waren karg ausgefallen. Nun schlug er wieder einen versöhnlicheren Ton an. Wenn ich erst selbst einmal Präsident sei, werde ich mich daran gewöhnen müssen, dass die Leute mir Spitznamen geben. Seine Frau beispielsweise werde seit kurzem „Flotus“ genannt, was eine Abkürzung für „First Lady of the United States“ sei. Inzwischen seien Michelle und er seit zwanzig Jahren miteinander verheiratet und wenn sie nun am kommenden Dienstag achtundvierzig werde, würde auch sie sich über einen persönlichen Gruß von mir freuen. Natürlich habe ich daraufhin die Geburtstagskarte ausgefüllt, so wie ich das zuvor bereits für Barack Obama und Joe Biden getan hatte. Wenn man sonst schon nur sporadisch voneinander hört, sind Rituale eine wichtige Sache.

Dennoch verspürte ich ein schlechtes Gewissen, als es in der letzten Woche auf einmal hieß, Barack Obama wolle in diesem Jahr wieder nach Berlin kommen. Letztlich war ich derjenige, der sich nie zurückgemeldet hat, doch nie schien der Präsident von mir enttäuscht zu sein. Vermutlich werde ich, wenn er dann durch die Stadt fährt, nur still in der Menge stehen und versuchen, nicht aufzufallen. Ich weiß, wir beide hatten uns mehr erwartet.

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