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Freundschaft mit einem Präsidenten : Was Barack mir so schreibt

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So eingespannt, wie er ist

Ich hatte bislang noch nie mit dem Präsidenten einer Supermacht in brieflichem Kontakt gestanden. In dem Land, in dem ich aufgewachsen bin, diktierten die Präsidenten der zuständigen Supermacht ihre Nachrichten aus ihrem Politbüro direkt in die Zeitungen hinein und oder überließen das gleich ihren Generalsekretären. Auch als sich die Zeiten änderten, die damals ebenfalls versprochene Transparenz nannte sich noch Glasnost, war es schlichtweg undenkbar, dass mich Michail Gorbatschow persönlich anschrieb, um mir vom Fortgang der Reformen zu berichten. Folglich war ich etwas ungeübt, was das Antworten auf solche Nachrichten anging. Der einzige Brief, den ich bis dahin an einen Präsidenten geschrieben hatte, ging nach Südafrika, kam ganz ohne Anrede aus und enthielt lediglich den Satz, den auch alle meine Klassenkameraden in ihre Briefe schrieben: „Freedom for Nelson Mandela!“

Ich weiß nicht, ob es daran lag, dass ich kein Geld überwiesen hatte oder dass er viel beschäftigt war, jedenfalls hörte ich in den nächsten drei Monaten nichts mehr von Barack Obama. Die Verbindung schien abgerissen zu sein, und natürlich habe ich in dieser Zeit überlegt, ob ich ihn und seine Familie nicht wenigstens zu einem Kurzurlaub auf den Bauernhof meiner Eltern einladen sollte, auf dem meine Mutter inzwischen eine kleine Pension betreibt, einfach, um dem vom Amt gestressten Mann ein paar Tage Ruhe zu gönnen. Angesichts der aktuellen Berichterstattung bin ich natürlich froh, das nicht angeboten zu haben. Es wäre mir peinlich gewesen, die Obamas um die fünfzehn Euro zu bitten, die das Zimmer bei uns pro Nacht kostet, was, wie es heute aussieht, ihm sicherlich ein unangenehmes Fernsehinterview mit Bettina Schausten und meiner Mutter die Weltpresse in unserem Vorgarten erspart hat.

Immer etwas zu tun

Die nächste Mail von Barack Obama bekam ich erst, als er die Wahlen gewonnen hatte. „Marcus“, schrieb er, „ich mache mich gleich auf dem Weg nach Grant Park, um zu denen zu sprechen, die sich dort versammelt haben, aber ich wollte dir zuerst schreiben. Wir haben gerade Geschichte geschrieben.“ Während ich mich wunderte, dass Barack Obama überhaupt noch wusste, wer ich bin, schien er sich genau daran erinnern zu können, wie ich an Türen geklopft, Geld gespendet und mit meinen Freunden darüber gesprochen habe, dass es Zeit für einen Wandel sei. Nun war ich als Ostdeutscher seit dem Mauerfall in gewisser Weise schon daran gewöhnt, Geschichte geschrieben zu habe. Mein Beitrag hatte sich damals lediglich auf den Besuch einer einzigen Montagsdemonstration beschränkt, weshalb mir schon klar war, dass es immer etwas von Plakatmalerei hat, wenn Geschichte geschrieben wird. Selten aber fand ich ein Lob derart unverdient wie das, bei der Wahl des ersten schwarzen Präsidenten von Amerika mitgeholfen zu haben, selbst wenn dieses Lob von ihm selbst kommt. Aber auch hier vermochte es Barack Obama, mich von meinem Zweifel zu befreien, und er tat das wieder in dieser schönen Schlichtheit, die mich schon in Berlin so für ihn eingenommen hatte. „All of this happened because of you. Thank you, Barack.“

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