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Westliche Werte : Freiheit als Problem betrachtet

  • -Aktualisiert am

„Möglichst viel Behaglichkeit für alle“ – für Gottfried Benn ein Schreckensbild. Denn was nutzt uns ein Fortschritt als Zynismus, der von Leiden und Tod nichts mehr wissen will? Bild: dpa

Selbstzufrieden blickt der Westen auf seine Werte. Das bekommt ihnen nicht und macht das Menschenbild immer flacher. Woher könnte heute Tiefe kommen? Von den Pessimisten und Tragikern!

          6 Min.

          Was sind das für westliche Werte, die andauernd beschworen werden? Christliche nicht, die haben hier nichts mehr verloren, nachdem alles Religiöse sowieso nur noch in homöopathischen Dosen geduldet beziehungsweise „zivilisiert“ wird, wie der Philosoph und ehemalige Kulturstaatsminister Julian Nida-Rümelin in einem Beitrag für den „Tagesspiegel“ kürzlich meinte. Gedanklich verwaschen und in geradezu grotesker Unterschlagung historischer Entwicklungen heißt es dort: „Es ist die Leitkultur des Humanismus, der individuellen und kollektiven Selbstbestimmung, die der menschenverachtenden Vernichtung Andersgläubiger entgegengestellt werden muss.“ Humanismus gleich Selbstbestimmung – ist das alles? Doch jetzt kommt’s erst: „Es darf nicht die christliche, katholische oder protestantische, auch nicht die jüdische Identität sein, die dem religiösen Fanatismus entgegengestellt wird.“

          Edo Reents
          Redakteur im Feuilleton.

          Wer den Westen bisher mit dem Abendland identifiziert hat und wem die Behauptung der „jüdisch-christlichen Tradition“ vielleicht noch in den Ohren klingt, der muss nun umdenken: Ein Menschenbild und ganz allgemein Humanität gibt es offensichtlich nur noch in Form eines aseptischen Gebildes, das von allen religiösen, philosophischen und kulturellen Partikeln, die ja immer ein Amalgam ergeben, bereinigt ist, ein eigenschaftsloses, aller weltanschaulicher, inhaltlich gerichteter Überzeugungen weitgehend verlustig gegangenes und höchstens noch aufs Grundgesetz festzunagelndes, rein formales Etwas, das man nicht mehr zu fassen kriegt - deswegen muss ja die ganze Zeit im Modus der Wertebeschwörung davon geredet werden.

          Herumsitzen im Café ist noch keine Haltung

          Man darf das nicht mit Neutralität verwechseln. Die weltanschauliche und die religiöse Neutralität des Staates sind etwas anderes als jene Keimfreiheit, die neuerdings nicht nur Intellektuellen wie Nida-Rümelin, sondern allen vorschwebt, denen es gar nicht genug „Identitäten“ geben kann und die gerne betonen, wie „aufgeklärt“ sie sind. Gegen Aufklärung als die mit wissenschaftlicher Erkenntnis abgeglichene Gesamtheit von Weltbildern und (entsprechenden) Lebensweisen wäre nichts zu sagen. Was heute aber nottäte, wäre wohl vor allem eine Aufklärung über eine geistige Situation, in der man triviale Lebensverrichtungen wie Essen und Trinken oder das Herumsitzen im Café zu einer „Haltung“, zum „Widerstand“ gegen etwas hochlügt, das als Gegner „unserer Lebensweise“ vermutlich unterschätzt ist.

          „Der Nihilismus steht vor der Thür: Woher kommt uns dieser unheimlichste aller Gäste?“ Die IS-Halsabschneider laufen nicht mit dem „Willen zur Macht“ herum, Nietzsches berüchtigtem, ungut frisiertem Nachlass-Werk, das die „Heraufkunft des Nihilismus“ beschwört. Aber man kann daraus etwas über die Frontstellung des IS zum Westen lernen, die auch eine geistige ist. „Nihilismus“ ist hier nicht im platten Sinne einer allgemeinen Nichtsnutzigkeit und Respektlosigkeit zu verstehen, sondern als Folgeerscheinung politischer, religiöser und kultureller Phänomene, die Nietzsche als beständig im Fluss, als „zu schnell“ erlebte. Er war zwar als solcher eine der am tiefsten greifenden Moderne-Erfahrungen, die schon über die russische Roman-Literatur bald nach 1850 vermittelt wurde (Turgenjews „Väter und Söhne“ und Dostojewskijs „Dämonen“); nur fasste Nietzsche den Nihilismus als logische Folge oder vielmehr Endpunkt des Christentums so scharf ins Auge, dass er in suggestiver Formulierungskraft eine zwingende Gestalt annahm, die ihn jeden sozialen, humanitären Aspekt von sich abprallen ließ.

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