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Frauenrollen bei Voltaire : Wir wollen Heldinnen!

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Auch Philosophen muss man mal zur Ordnung rufen: Brief von Markgräfin Wilhelmine an Voltaire vom 23. Januar 1751 Bild: Bayerische Schlösserverwaltung

Weil ihr zu wenig Frauen im Theater vorkamen, beschwerte sich Wilhelmine von Bayreuth bei Voltaire. Diese Diskussion wird immer noch geführt – nur auf niedrigerem Niveau.

          Manchmal hat man das Gefühl, es werden immer die gleichen Diskussionen geführt. Und manchmal ist es nicht nur ein Gefühl, sondern man bekommt es schriftlich. Diesmal liefert die Bayerische Schlösserverwaltung den im Frühjahr angekauften und bald in Bayreuth öffentlich präsentierten Nachweis: einen Briefwechsel zwischen Wilhelmine von Bayreuth und Voltaire aus dem Jahr 1751, in dem die Markgräfin den Philosophen und Schriftsteller für seine Fixierung auf Männerrollen angreift. Wilhelmine begeisterte sich für die Kunst, hatte mit „Argenore“ bereits selbst eine Oper verfasst und trat als Schauspielerin in Stücken Voltaires auf. Doch es missfiel ihr, dass ihr langjähriger Brieffreund sich am Hof ihres Bruders Friedrich II. in Potsdam auf Männerrollen konzentrierte – obwohl Potsdam, wo sich der König selbst ganz auf Männer konzentrierte, sicher ein inspirierender Ort war.

          Wir spulen vor ins Jahr 2017, da Voltaire womöglich antworten würde: „Und Sie wollen das jetzt mit so einer Geschlechterproporzgeschichte überziehen und geraderücken?“ So sagte es der ZDF-Moderator Claus Kleber neulich bei seiner als Interview verbrämten Dominanzübung mit der Schauspielerin und Ärztin Maria Furtwängler zum gleichen Thema. Furtwängler hatte eine Studie mitinitiiert, die ergab, dass im Fernsehen deutlich mehr Männer als Frauen zu sehen sind. „Geht’s in der Fiktion nicht auch darum, eine Traumwelt zu zeigen?“, fragte Kleber und verriet damit zugleich ein eher flaches Verständnis von Fiktion und einiges über seine persönliche Traumwelt. Aber Kleber schreibt die Drehbücher ja nicht selbst, daher konnte Maria Furtwängler nicht so konkrete Forderungen stellen wie damals Wilhelmine: „Sie schließen die Frauenrollen aus Ihren Potsdamer Tragödien aus und wir würden gerne, wenn wir einen Voltaire hätten, die Männerrollen aus denen streichen, die wir hier spielen. Wäre es nicht möglich, dass Sie eines Ihrer Stücke für uns umschrieben und dort die zwei Hauptrollen an Frauen vergäben?“ Eine wundervoll ambitionierte Haltung: Schreiben Sie bitte eines ihrer Stücke um, sonst müssen wir es selbst tun. Voltaire lehnte das übrigens ab.

          Seit 266 Jahren also hat sich diese Diskussion nicht entwickelt, geschweige denn, dass man sie hätte überwinden können. Im Gegenteil ist es ein klarer zivilisatorischer Rückschritt, ein solches Gespräch blökend im Fernsehen zu führen und nicht auf Französisch in schwarzer Tinte auf Büttenpapier. Denn wer so schreibt, denkt vorher nach, und dann gelingen ihm wohlüberlegte Antworten wie diese: „Um Himmels willen, versuchen Sie es in Bayreuth nicht, die Männer auszuschließen. Das Theater ist ein Gemälde des menschlichen Lebens, und in diesem Leben müssen Männer und Frauen beisammen sein; sonst ist es nur ein halbes Leben.“ Das ist nicht nur Voltaires Antwort an Wilhelmine, sondern die Antwort auf die ganze Diskussion.

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