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Frauenlob : Die Kunst des zeitgemäßen Kompliments

  • -Aktualisiert am

Auch Diskursprofis geraten heute auf dem glatten Parkett des Kompliments ins Stolpern. Wie darf man die Schönheit der Frau noch loben? Fragen wir nach.

          „Weh mir, das schlecke Geschlüpfer“, klagt Alberich, als er beim hilflosen Werben um die Rheintöchter die Contenance verliert und im Morast landet. Woglinde, Wellgunde und Flosshilde amüsieren sich prächtig, doch der garstige Nibelung verdaut es schnell, und nachdem er den Rheinschatz an sich gerissen hat, sind es die neckischen Töchter, die im ewigen Drama um Lust und Macht einen wehen Ton anstimmen.

          Zwei neuere Episoden aus dem Geschlechterdiskurs: Der Literaturwissenschaftler Hans Ulrich Gumbrecht ist an der Universität Stanford in Erklärungsnot geraten, weil er das Aussehen von zwei Studentinnen, darunter seine Tochter, als „umwerfend“ bezeichnet hatte. Den Schriftsteller Navid Kermani rügte die Literaturkritikerin Iris Radisch, weil er eine Protagonistin seines Romans „zum Anbeißen“ findet. Kermani bleibt eine Sache der Literaturkritik, während Gumbrecht für das als „mikro-aggressiv“ empfundene Kompliment die Studentenbetreuung entzogen wurde.

          Komplimente für den Geist

          Andererseits: Durfte man die Feministin Laurie Penny einfach so davon kommen lassen, als sie in ihrem Buch „Unsagbare Dinge“ bedauerte, keine „sexy Knuspertüte“ zu sein, oder ist das der selbstironische Umgang mit Machoklischees, gegen den niemand etwas haben kann? Geben wir die Frage weiter. Die erste Gesprächspartnerin winkt ab: „Schluss mit Komplimenten. Das ist vorbei.“ Das Lob der Leistung gilt heute mehr als das Lob der Schönheit. Karriereorientierte Jungdynamikerinnen lassen sich gern „straight“ und „tough“ nennen, aber das wollen wir nicht fördern.

          Die zweite Gesprächspartnerin differenziert nach Machtgefälle. Das hübsche Kleid dürfe auch vom Chef gelobt werden, die bezaubernde Trägerin nur von Freunden. Komplimente sollten nicht die Physis, sondern den Geist bei der Auswahl der Kleidung betreffen. „Umwerfend“ habe auch eine intellektuelle Note, meint die dritte Befragte. Die vierte gibt sich emanzipiert: „Wir Frauen sind über das Stadium hinaus, in dem wir keine Komplimente mehr annehmen können.“ Was die Form betrifft: siehe oben.

          Eine andere Strategie ist die Inversion: Das Lob des Manns als des schöneren Geschlechts. Der dürfe auch dick sein, aber nicht fett, und Brille dürfe er tragen und ein bisserl schüchtern sein, eben „nicht ganz unverklemmt“ (Marilyn Monroe). Und die feschen Buben auf dem Münchner Oktoberfest in ihren Lederhosen, die sehen doch wirklich zum Anbeißen aus. Das entsprechende Kompliment hätte wohl den Geist bei der Hosenwahl zu loben. Romantischer Bekennermut findet sich heute fast nur noch in der Literatur, wie in Kermanis Roman „Große Liebe“, in dem der junge Kermani tapfer aufs Schulpult steigt und die Angebetete zur schönsten Frau der Welt erklärt. Damals brachte ihm das nichts. Weil Romane heute als autobiographisch grundierte Fortsetzungsgeschichten geschrieben werden, hat es aber einen späten literarischen Ertrag: Die Schulhofliebe, die Kermani damals verschmähte, taucht in seinem neuen Roman wieder auf. Und sieht immer noch zum Anbeißen aus.

          Thomas Thiel

          Redakteur im Feuilleton.

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