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Frauen in Ägypten : Die Ruhe nach dem Sturm

  • -Aktualisiert am

Die ägyptische Revolution war auch eien Sache der Frauen: Gegen Mubarak protestierende Ägypterinnen Ende Januar auf dem Tahir Platz Bild: ©Helmut Fricke

Die ägyptische Revolution wurde auch von Frauen getragen. Doch welche Rolle werden sie in Zukunft in dem Land spielen? Statt Forderungen zu stellen, warten viele von ihnen einfach ab.

          Ihre Bilder gingen um die Welt: Ägypterinnen, die tage- und nächtelang auf dem Tahrir-Platz in Kairo demonstrierten. Inmitten von Tausenden von Männern behaupteten sie wie selbstverständlich ihren Platz - junge und alte Frauen, Akademikerinnen und Markthändlerinnen, Studentinnen und Schülerinnen, Bäuerinnen und Hausfrauen. Manche von ihnen waren verschleiert, andere nicht, manche hatten ihre Kinder dabei. Gemeinsam harrten sie auf dem Platz aus, den einige von ihnen - allen voran die Menschenrechtsaktivistin Asmaa Mahfouz mit ihrem berühmt gewordenen Youtube-Video - zuvor selbst zum Zentrum der Proteste ausgerufen hatten. Die meisten der Frauen waren ihren Männern hierher nicht gefolgt, sondern sie waren ihnen vorangegangen. Selbst Ägypter reagierten verblüfft. Denn hier, auf kleinstem Raum, erlebte die ägyptische Gesellschaft zum ersten Mal so etwas wie Gleichberechtigung.

          Lena Bopp

          Redakteurin im Feuilleton.

          Die Frauen stillten ihre Kinder und versorgten Verletzte, sie halfen, den Zugang zum Platz zu regeln, und bei der Organisation eines Lagers, das trotz widriger Bedingungen am Ende erstaunlich gut funktionierte. Vor allem aber forderten auch sie lautstark einen Wandel, der bei weitem nicht nur die Politik des Landes, sondern vor allem jede von ihnen ganz persönlich betrifft: die gleichberechtigte Teilhabe der Frauen an der ägyptischen Gesellschaft, in der das Maß aller Dinge nach wie vor der Mann ist.

          Diskriminierung als Herrschaftsinstrument

          Laut Amnesty International können mehr als vierzig Prozent der ägyptischen Frauen weder lesen noch schreiben. In dem großen Beamtenapparat und in manchen öffentlichen Institutionen wie der Kairo-Universität arbeiten zwar durchaus auch viele Frauen. Trotz einer im Jahr 2009 beschlossenen Frauenquote besetzen sie im Parlament aber nur 64 von 518 Sitzen. Das Scheidungsrecht und das Erbrecht benachteiligen sie. Beispielsweise können sich Männer jederzeit von ihren Ehefrauen scheiden lassen, die Frauen müssen aber, wenn sie die Initiative zur Trennung ergreifen, freiwillig auf Unterhalt verzichten und dem Mann die Mitgift zurückzahlen.

          Laut einer Unicef-Studie aus dem Jahr 2008 sind neunzig Prozent der ägyptischen Frauen beschnitten, und das, obwohl die Regierung die Praxis der Genitalverstümmelung verboten hat. Doch muslimische Gelehrte treiben sie voran - der an der Kairoer Al-Azhar-Universität lehrende Muhammad Wahdan etwa verbreitete im Jahr 2006 übers Fernsehen die Ansicht, die Beschneidung von Frauen trage zu deren Keuschheit bei. Mit alldem sollte nun Schluss sein, forderten die Frauen. Die Regierung nutze die Diskriminierung, um die Gesellschaft besser kontrollieren zu können, warf nicht nur die große alte Dame der ägyptischen Frauenrechtsbewegung, Nawal Al-Saadawi, deren "Ägyptische Frauen Union" unter Mubarak verboten worden war, dem alten Regime vor. Nun ist es weg, und die revolutionäre Energie, die Hoffnungen, welche die Ereignisse auf dem Tahrir-Platz in vielen Frauen geweckt hatten, weichen langsam einer Katerstimmung. Denn wie es nun weitergehen soll, weiß keine von ihnen so genau.

          Werden Männer freiwillig die Lage der Frauen verbessern?

          Die ägyptischen Frauenrechtsgruppen, von denen es etwa fünfzig gibt, überwiegend in Form von kleinen Nichtregierungsorganisationen, sind uneins, wie auf die Stärkung ihrer Rechte hingewirkt werden soll. In dem zuletzt wichtigsten Gremium des Landes, jenem, das die Verfassung überarbeitete, war keine einzige Frau vertreten. Es wurde dominiert von Männern, die dem alten Regime nahestanden. Keiner von ihnen hat die Rechte der Frauen zu seiner Sache erklärt. Die Frauenrechtlerin Nawal Al-Saadawi ist sich deshalb sicher: Die ägyptischen Männer werden die Rolle der Frauen keinesfalls freiwillig verbessern. Aus europäischer Perspektive, aus der Erfahrung, wie zählebig Geschlechterrollen sind und welche Ausdauer nötig ist, gesellschaftliche Muster aufzubrechen, würde man sich wünschen, dass die ägyptischen Aktivistinnen ihre Vorstellungen in dieser wichtigen Phase des Umbruchs mit Vehemenz verteidigen.

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