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Frauen bei den Piraten : Im Kegelclub

  • -Aktualisiert am

Auch bei den Piraten gibt es Sexismus, so das Ergebnis einer Mitgliederumfrage. Eine undogmatische Debatte und einige Regeln sollen das Problem lösen.

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          Sammeln sich in der Piratenpartei, der interessantesten politischen Bewegung in Deutschland, wirklich vor allem „frauenferne Nerds“ - so eine ungeprüfte Zuschreibung -, und behindert sie mit ihren utopischen Postgender-Zielen die mühsamen Verhandlungen um Gleichbehandlung, Gleichstellung, Familienpolitik und Frauenquoten? Es hat viel Streit und Aufregung gegeben um diese Fragen, die grüne Konkurrenz glaubt schon, triumphieren zu können, aber Vorsicht! Die Piratenpartei tickt anders als die Altparteien mit ihren großen Apparaten, ihren Mediencoaches und ausgefeilten Präsentationen, deren Wahrheitsgehalt zu vernachlässigen ist.

          Der Kegelclub, ein informeller Zusammenschluss von Piraten, die sich der Geschlechterpolitik verschrieben haben, hat jetzt die Ergebnisse einer repräsentativen Umfrage unter den Mitgliedern vorgestellt, um die hitzige Kontroverse um Frauen und Männer zu versachlichen. Die Umfrage hat bestätigt, dass Frauen und „weiblich sozialisierte Menschen“ (denn eigentlich lehnen Piraten Geschlechterzuschreibungen ab in der Politik) in der Minderheit sind und sich abschrecken lassen, ein Amt zu übernehmen.

          Eine öffentliche Diskussion

          Die gefühlte Gleichberechtigung gehört eher zum Selbstbild der männlichen Piraten, sie schätzen auch ihr eigenes Engagement tendenziell höher ein als die Frauen und greifen offenbar beherzter nach einem Amt. Frauen wiederum lassen sich schneller demotivieren, die gewöhnungsbedürftige Diskussionskultur - alles wird von allen im Netz kommentiert, rabiate Pöbeleien sind keine Seltenheit - ist ihre Sache nicht. Sexismus - welche Partei sonst würde dieses Problem öffentlich diskutieren? - sei ein Problem der Partei, ergab die Umfrage, und auch das nehmen mehr Frauen als Männer so wahr. Es geht also auch bei den Piraten zu wie im wirklichen Leben. Nur lehnt dort eine überwältigende Mehrheit eine Quote für Männer oder Frauen ab.

          Das, so die Botschaft, muss sich anders erreichen lassen; wie, ist noch etwas nebulös, aber eine undogmatische Debatte, ein paar Höflichkeitsregeln und ein Vorschlagssystem könnten das ändern, glauben die Frauen und Männer vom Kegelclub. Wenn Piraten in parlamentarischen Debatten auftreten, lehnen sich Vertreter der Altparteien oft grinsend zurück, glauben zufrieden, dass sich das schnell erledigen wird mit dieser verrückten Truppe, die sich regelmäßig im Netz selbst zerlegt. Aber sie irren sich, und dafür reicht auch diese Umfrage: Piraten sind Piraten, weil sie sich als politische Bürger begreifen, die Mehrheit ist jünger als fünfunddreißig und ihre Originalität frei von Zynismus. Sie sind in dieser Partei, weil sie sich nur dort zutrauen, das Land zu verändern.

          Regina Mönch
          Freie Autorin im Feuilleton.

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