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„Frau kriegt Kind“ : Pressefreiheit gefährdet

Titelblatt des Satiremagazins „Private Eye“ nach der Geburt des „royal baby“ Bild: Reuters

Über die Grenzen staatlicher Schnüffelei spricht die britische Regierung ungern, der Presse aber will sie wegen des Abhörskandals bei „News of the World“ gehörig die Daumenschrauben anziehen.

          Der Satirezeitschrift „Private Eye“ haben wir eine der coolsten Titelseiten des Sommers zu verdanken. Als alle Welt vor Verzückung über die Geburt des britischen Thronfolgers George Alexander Louis verging, nahm „Private Eye“ eine leere Seite her und druckte darauf drei Worte: „Woman has Baby“. Eine Frau hat ein Kind bekommen; dass es sich bei dem Stammhalter um „Seine königliche Hoheit Prinz George von Cambridge“ handelt, ist zweitrangig.

          Zum Auftakt des Prozesses, in dem Verantwortliche der inzwischen eingestellten Zeitung „News of the World“ wegen illegaler Abhöraktionen vor Gericht stehen, hatte „Private Eye“ nun abermals eine schöne Idee: Wir sehen Rebekah Brooks, die ehemalige Verlagschefin des zum Murdoch-Imperium gehörenden News International, auf dem Weg ins Gericht. Sie hat sich in die konservativ-unschuldig geschnittene Robe einer höheren Tochter geworfen. „Private Eye“ macht daraus ein „Halloween Special“ und teilt mit, das „Horror-Hexen-Kostüm“ sei aus den Geschäften genommen worden.

          Die Ironie der Geschichte

          Zwei fleißige Polizeibeamte wollten daraufhin sogleich die „Private Eye“-Ausgaben aus den Auslagen der Kioske nehmen. Der Verdacht lautete auf Missachtung des Gerichts. Das Büro des Generalstaatsanwalts sah das glücklicherweise anders. In Großbritannien ist zur Zeit aber nicht nur die Satire vor dem Zugriff des Staates nicht sicher – der investigative Journalismus ist nicht minder gefährdet. Premierminister David Cameron deutet an, er lasse sich das vermeintlich verantwortungslose Treiben des „Guardian“ und anderer Zeitungen nicht länger bieten. Mit den Enthüllungen Edward Snowdens gefährdeten sie die nationale Sicherheit, lautet das Argument, das schon dafür herhielt, die absurde Zerstörung von Festplatten beim „Guardian“ zu rechtfertigen.

          Über die Grenzen staatlicher Schnüffelei wird nicht geredet; sie scheint eine Notwendigkeit zu sein, die man nicht in Frage stellt. Von ausgesuchter Perfidie ist der Verweis auf die nun vor Gericht erörterten Abhörpraktiken, deren sich Journalisten der „News of the World“ bedient haben. Deren Straftaten sollen herhalten, der Presse mit einem neuen Regulierungsgesetz die Daumenschrauben anzulegen. Die Ironie der Geschichte will es, dass der einstige Chefredakteur der „News of the World“, Andy Coulson, hernach Camerons Sprecher war. Beim Abhören kennen die Herren sich aus. Dass die britische Regierung darüber keine Berichte wünscht, passt ins Bild. „Private Eye“ muss zur gerade stattfindenden Hexenjagd unbedingt weitertiteln.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

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