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Ukraine : Fürst Igor und die Mörsergranaten

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Mit einem starken Schuss Archaik: Ukrainische Militärs an einem behelfsmäßigen Denkmal für ihre getöteten Kollegen. Bild: AFP

Der Krieg in der Ukraine ist von Politikern angezettelt worden, die in historische Mythen verliebt sind. Die Verbindungen des Konflikts ins Mittelalter sind aber wirklich frappierend.

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          Aus dem fernen Osten der Ukraine, wo der sogenannte „hybride Krieg“ schon seit sechzehn Monaten kaum einen Augenblick pausiert, schreibt man, dass die Kämpfer der illegalen bewaffneten Einheiten – unter denen sich allerdings viel zu viele Angehörige der legalen russischen Armee befinden – von einer berühmten Anhöhe über dem Fluss Siverskyj Dinez bei Stanyzja Luhanska die ukrainischen Soldaten mit Mörsergranaten beschießen.

          Die Anhöhe ist vor allem deshalb berühmt, weil dort im Jahr 2003 ein Denkmal für den Fürsten Igor und seine Mannen errichtet wurde. Jetzt verstecken sich die illegalen Kämpfer also hinter Igors Armee. Sie – die Denkmal-Armee – ist aus bronzebeschlagenem Beton, kann also im Fall des Falles als durchaus zuverlässige Schutzmauer dienen. Vor allem, da die ukrainische Seite zur Erfüllung der Minsker Vereinbarungen gezwungen war, ihre gesamte Artillerie von der Kontaktlinie abzuziehen. Die anderen jedoch bombardieren sie aus Mörsern mit einem Kaliber von 122 Millimetern, weswegen es in Stanyzja Luhanska derzeit wirklich heiß hergeht.

          Mystifizierende Fälschung oder gemeinsames Erbe?

          Beim Schreiben dieser Zeilen komme ich mir vor wie ein Kriegsberichterstatter. Aber dazu habe ich kein Recht, denn ich habe nicht eine einzige Minute in der Kampfzone verbracht. Meine geringe militärische Erfahrung liegt weit in der Vergangenheit – in der ersten Hälfte der achtziger Jahre. Aufgrund meiner pazifistischen Überzeugungen habe ich damals mit aller Kraft versucht, ein schlechter Soldat zu sein. Was mir auch gelungen ist. Heute jedoch muss ich einfach über schwere Waffen und das Kaliber der Mörser nachdenken. Aber nicht nur darüber. Manchmal auch über den malerischen Fluss Siverskyj Dinez, in dem ich noch vor ein paar Jahren in einem warmen September mit viel Vergnügen getaucht und geschwommen bin. Jetzt ist der Fluss praktisch zur Frontlinie geworden.

          Jurij Andruchowytsch auf der Leipziger Buchmesse 2014.
          Jurij Andruchowytsch auf der Leipziger Buchmesse 2014. : Bild: dpa

          Die monumentale Gegenwart von Fürst Igor und seinen Mannen im Einzugsgebiet unseres heutigen „hybriden Krieges“, in direkter Nähe zur Frontlinie, ist schrecklich symbolisch. Dem westlichen Publikum werden der erwähnte Fürst und seine kriegerischen Abenteuer wohl weniger aus historischen als aus musikalischen Quellen bekannt sein, nämlich durch die bis heute populäre Oper des russischen Klassikers Borodin mit ihren „Polowetzer Tänzen“ und anderen Evergreens. Für die Bewohner der ehemaligen UdSSR ist Fürst Igor jedoch vor allem ein literarischer Held. Um ihn geht es im ältesten bekannten Epos der Kiewer Rus, dem „Lied von der Heerfahrt Igors“ („Igorlied“). Die Mehrheit der ernstzunehmenden Altslawisten hält diesen außergewöhnlich poetischen Text für echt, für die Schöpfung eines unbekannten Zeitgenossen des Fürsten. Obwohl manchmal auch behauptet wird, es handle sich um eine mystifizierende Fälschung vom Ende des achtzehnten Jahrhunderts. In Sowjetzeiten war das „Lied“ als „gemeinsames Erbe des russischen, ukrainischen und belarussischen Volkes“ Teil des Literaturunterrichts an den Schulen.

          Komplette ästhetische Stümperhaftigkeit

          Damit Sie sich zeitlich besser orientieren können, sage ich, dass es sich um das Hochmittelalter handelt, das zwölfte Jahrhundert. 1185 führte Igor den Feldzug einiger Fürsten der Rus gen Osten an, gegen die Polowzer. Das war ein turkstämmiges Steppen-Reitervolk, das ab und zu auf dem Wilden Feld östlich und südlich des Dnipro auftauchte. Igors Heerfahrt gegen die Polowzer ist eine große Unternehmung, eine Art „Drang nach Osten“ der Kiewer Rus, ihr aggressives kollektives Unterbewusstsein, das ein Ventil für seine Eroberungsambitionen suchte. Wobei es weniger um „Lebensraum“ als um „die schönen Polowzer-Frauen“ ging. Aber schließlich ist auch das keine außergewöhnliche Motivation: Die klassischen Kriege wurden vor allem um fremde Territorien und Frauen geführt.

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