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Französischer Buchmarkt : Bestseller Empörung

Stéphane Hessel: Autor des Bestseller-Büchleins „Indignez-vous” Bild: Marcus Kaufhold

Der ehemalige französische Résistance-Kämpfer Stéphane Hessel hat im Alter von 93 Jahren eine Empörungsschrift gegen den Finanzkapitalismus und für den Pazifismus geschrieben. Das Buch des zornigen alten Mannes findet reißenden Absatz bis in die Supermärkte hinein.

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          Die Druckmaschinen laufen wieder auf Hochtouren. Im Weihnachtsgeschäft war das Ende Oktober in einem Kleinverlag in der Provinz erschienene schmale Büchlein vielerorts ausverkauft. Auf seine Autorenhonorare hatte der Verfasser im Voraus verzichtet. Drei Euro kostet das Pamphlet, 32 Seiten umfasst es. „Indignez-vous“ (Editions Indigène) lautet sein Titel: „Empört euch“. Die Käufer besorgen sich meist gleich mehrere Exemplare, die sie reihum verschenken. Die Auflage hat die 400. 000 überschritten – weitere 300. 000 Stück gelangen in diesen Tagen in die Buchhandlungen. „Indignez-vous“ ist jetzt auch in Supermärkten zu haben.

          Jürg Altwegg

          Freier Autor im Feuilleton.

          Der Autor war bislang kein Medienstar, aber dem gebildeten Publikum bestens vertraut. Stéphane Hessel ist der Sohn des Schriftstellers Franz Hessel und „Jules et Jim“ – der berühmte Film von Truffaut – auch ein bisschen seine Geschichte. Jeanne Moreau spielt darin die Rolle seiner Mutter, die zwei befreundete Männer liebt. Henri-Pierre Roché, der französische Kollege des zum Protestantismus konvertierten Franz Hessel, erzählt die unmoralische Geschichte in einem autobiographischen Roman, dessen Verfilmung durch Truffaut zunächst nur für Erwachsene freigegeben wurde.

          Inzwischen ist Stéphane Hessel 93 Jahre alt. Geboren wurde er in Berlin, nach Frankreich kam er im Alter von sieben Jahren. Als der Zweite Weltkrieg ausbrach, wurde er gefangengenommen. Er konnte fliehen und ging zu de Gaulle nach London. Sehr schnell kehrte er zum bewaffneten Kampf nach Frankreich zurück. Als Mitglied der Résistance wurde er erneut verhaftet, gefoltert und nach Buchenwald deportiert, von wo er unter dramatischsten Umständen entkam. Seine eindrücklichen Memoiren schrieb Stéphane Hessel erst zu seinem neunzigsten Geburtstag: „Tanz mit dem Jahrhundert“ (Piper).

          Hessel plädiert für die kompromisslose Gewaltlosigkeit

          Nach dem Ende des Kriegs war er in den diplomatischen Dienst Frankreichs eingetreten. 1948 gehörte er zu den Verfassern der Erklärung der Menschenrechte. Seit dem Rücktritt als Botschafter mischt er sich in die Politik ein. Stéphane Hessel engagiert sich für die Ausgeschlossenen, Obdachlosen, Eingewanderten, für die Kulturpolitik und die Entwicklungshilfe. Nach dem 11. September hatte er zusammen mit dem Soziologen Edgar Morin das „Collegium international“ zur Verhinderung eines Kriegs zwischen den Zivilisationen begründet. Mit Régis Debray war er in Israel und hat dessen Regierung zu einer anderen Politik aufgefordert: „Dass Juden ihrerseits Kriegsverbrechen begehen können, ist unerträglich.“ Hessel schloss sich der Forderung nach einem Boykott israelischer Produkte an, was ihm viele französische Juden sehr übelgenommen haben.

          Um den Konflikt im Nahen Osten geht es auch in „Indignez-vous“. Hessel fordert dessen Beilegung als Voraussetzung für eine Befriedung weiter Teile der Welt und den Dialog zwischen Christen und Muslimen. Heftig geht er mit dem Finanzkapitalismus ins Gericht: Er bedrohe die Werte der Zivilisation, deren Niedergang nach Jahrzehnten des Fortschritts um die Jahrtausendwende begonnen habe. Nie seien die Unterschiede zwischen Armen und Reichen so brutal gewesen. Gleichzeitig plädiert Hessel für die kompromisslose Gewaltlosigkeit. Jeder, schreibt er in seiner Kampfschrift, habe einen Grund zur Revolte. Es geht Hessel um die Überwindung des Fatalismus und der Ohnmacht. Er beruft sich auf seine Erfahrung im Widerstand – der angesichts der drohenden Barbarei erneut zum Maßstab des ethischen Handelns geworden sei.

          Anfragen der Medien kommen aus der halben Welt

          Wie sehr die Franzosen auf diese Botschaft gewartet haben, zeigt das phänomenale Echo auf die dreißig Seiten. Die obligaten Umfragen zum Jahreswechsel haben ergeben, dass die Stimmung in Frankreich bedrückter sei als in Afghanistan und im Irak. Der zornige alte Mann, der sein Leben lang mit gutem Beispiel voranging, versöhnt mit seinem politischen Programm die Generationen und wird zum moralischen Gewissen der Nation.

          Seine Verleger sind ehemalige Maoisten der „Gauche prolétarienne“, die der Erfolg ziemlich überrumpelt hat. Anfragen der Medien und für Übersetzungen kommen aus der halben Welt; auch aus Israel, was Hessel ganz besonders freut. Mitte Januar wird man zusammensitzen und auch die Frage der Autorenrechte neu diskutieren. Hessel möchte die Honorare dem vergessenen Russell-Tribunal spenden, zu dessen Mitbegründern er gehört. Seine vielen Leser fordert er auf, „wichtigere“ Bücher über die Finanzkrise zu lesen, zum Beispiel jene der Attac-Theoretikerin Susan George. Auch für die Präsidentenwahl des kommenden Jahres hat sich Hessel auf eine Frau festgelegt: Martine Aubry will er unterstützen, von der man noch gar nicht weiß, ob sie antreten wird. Den Boykott israelischer Produkte indes hat die Parteichefin der Sozialisten als „völlig falsch“ bezeichnet.

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