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Französische Zustände : Krippen des Widerstands

Muslims im Pariser Alltag: Aber an ihm orientieren sich die Scharfmacher gerade nicht Bild: Reuters

Ein Bestseller trägt den Titel „Der französische Selbstmord“, seinen Autor hatte man im Verdacht, die Deportation der Muslime gefordert zu haben, und um Weihnachtskrippen wird auch gestritten: In Frankreich tobt ein rhetorischer Religionskrieg.

          Werden die Muslime demnächst aus Frankreich deportiert, wie es der Essayist Eric Zemmour angeblich fordert haben soll? Sie wissen selbst nicht so recht, ob sie sich ärgern oder freuen sollen. Denn in der unsäglichen Konkurrenz der Opfer, die das Verhältnis der Minderheiten in Frankreich untereinander und gegenüber dem Staat prägt, steht die Deportation für eine Anerkennung, wie sie sich die fanatischsten Fundamentalisten nicht schöner vorstellen konnten. Seit dem 11. September 2001 ist Frankreich ein Nebenschauplatz des Nahostkonflikts und von tödlichen Attentaten auf seine jüdischen Mitbürger nicht verschont geblieben. Im Ausland sind die Dschihadisten im Krieg gegen Frankreich bei der Auswahl ihrer Opfer weniger wählerisch: auch Katholiken dürfen es sein.

          Jürg     Altwegg

          Kulturkorrespondent mit Sitz in Genf.

          Am Wochenende ist es zu einer weiteren Eskalation gekommen: „Allah Akbar“ schrie ein junger Mann, der den Polizeiposten in einem Vorort von Tour stürmte und einen Beamten mit dem Messer am Kopf verletzte; er wurde erschossen. Am Sonntagabend lenkte ein Mann in Dijon mit dem gleichen Schlachtruf seinen Wagen in eine Gruppe von Passanten und verletzte elf Fußgänger, zwei davon schwer. Beide Attentäter erwecken den Eindruck von Verrückten, aber Frankreich empfindet sie als Vorhut des Dschihad zu Hause. Für Weihnachten wird der Polizeischutz verstärkt, an Neujahr werden hoffentlich nur die Autos brennen.

          Ein Bestseller

          Die Forderung nach der Deportation der Muslime, an der sich die Empörung entzündete, kam aus Italien. Der Französische Eric Zemmour soll sie im Gespräch mit dem „Corriere delle Sera“ formuliert haben. Sein Buch „Der französische Selbstmord“ führt seit Wochen die Bestsellerlisten an. „In Frankreich leben Millionen von Menschen, die nicht wie Franzosen leben wollen“, sagte er wörtlich: „Die Muslime haben ihr eigenes Gesetz: den Koran. Sie leben unter sich, an den Rändern. Die Franzosen wurden zum Wegzug gezwungen.“ Der italienische Journalist fasste Zemmours – allgemein bekannte – Vorstellungen von ihrer Ausweisung mit dem Begriff „deportare“ zusammen. Zemmour hat ihn nicht verwendet. Erst als jemand das Interview dem linken Politiker Jean-Luc Mélenchon zuspielte, der sich gerade mit seinem Redeverbot für Angela Merkel („Maul zu!“) profiliert hatte, ging der Skandal richtig los – schließlich plädiert Zemmour auch für die Rehabilitierung von Pétain und Vichy.

          Eric Zemmour, Journalist und Autor des Buches „Der französische Selbstmord“

          Der Journalist, der regelmäßig im französischen Bertelsmann-Sender RTL zu hören ist, wurde von „i-télé“ als Kolumnist entlassen – nun kann er sich auch noch als Märtyrer der Meinungsfreiheit profilieren. Diskussionen, Debatten sind unmöglich geworden, stellt Pascal Bruckner im „Figaro“ fest. Es gehe nur noch um Provokationen und Entgleisungen, die umgehend vor das Tribunal der politischen Korrektheit kommen. Bruckner kritisiert die Gleichstellung von Islamophobie und Antisemitismus durch die Linke. Deren Anhänger weigern sich, französische Dschihadisten zu verurteilen, solange man toleriere, dass Franzosen in der israelischen Armee dienen.

          Laizisten auf dem Kriegspfad

          Der Vernichtungskrieg des „Islamischen Staats“ gegen die Christen im Orient ist eine Ausweitung der Kampfzone, die Frankreich überfordert. Während Katholiken wegen ihres Glaubens ermordet werden, dürfen in französischen Rathäusern und Schulen zu Weihnachten keine Krippen aufgestellt werden. Die laizistische Verfassung verbietet es. Diese Intoleranz im Umgang mit allen Religionen, die sich ihrerseits zumindest im Kampf gegen diese Intoleranz auch einig sind, wirkt anachronistisch.

          Aber auch die Freidenker wachen und klagen. Nur die rechtsextremen Bürgermeister halten an ihren Krippen fest und leisten Widerstand, in Béziers Robert Ménard, der langjährige Präsident von „Reporter ohne Grenzen“. Vom Kulturkampf um die Krippen profitiert wiederum ausschließlich der Front National, der sich zum Laizismus bekennt, aber als einziger Verteidiger der christlichen Tradition erscheint.

          Zemmours Pamphlet hat eine Auflage von 400 000 Exemplaren erreicht. Mehr gab es nur für Valérie Trierweilers Rache an François Hollande. Die beiden Bestseller des Jahres haben die Belletristik verdrängt. Von dem Roman, der den Prix Goncourt gewann, wurden nur 120 000 Exemplare verkauft – erwartet worden waren gut eine halbe Million. Doch die Revanche der Literatur steht unmittelbar bevor. Michel Houellebecq bringt die Stimmung im Lande in seinem neuen Roman auf den Punkt: Darin wird nicht Marine Le Pen, sondern ein Muslim zum Nachfolger von Hollande gewählt. Houellebecqs für Januar angekündigte „Unterwerfung“ wird Zemmours „Französischen Selbstmord“ übertreffen. Auch an Menschlichkeit und politischem Sachverstand: Nur noch ein Muslim im Elysée kann die Millionen von französischen Muslimen offensichtlich vor der Deportation retten.

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