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Französische Reflexionen : Heraus aus der Schmollecke

  • -Aktualisiert am

Frankreich deutet die Krise um Bild:

Wenn die Wirtschaft nicht mehr wächst, muss man nicht gleich von Schrumpfung reden: In Frankreich läuft die Wachstumsdebatte unter der heiteren Wortschöpfung „décroissance“. Wo man noch im Aufbau abbaut, muss kein sorgenfaltiges Runzelgesicht aufgesetzt werden.

          Als wir noch im Wachstumsalter waren, träumten die meisten vom Nullwachstum. Die Welt erlitt gerade ihren ersten Ölschock, doch waren die ersten autofreien Sonntage eher eine Gaudi. Also: Zotteljacke. Karriereboykott. Make love, not war. Club of Rome - schöne Stadt, wollte man schon immer mal hin. Dann kam die Karriere und mit ihr das Paradox: Mit Stagnation lässt sich individuell kein Leben und kollektiv keine Gesellschaft machen. Darin liegt der Strickfehler jenes Traums. Aus dem handgestrickten Phantasiemuster der blumigen Jahre ist eine leere Masche geworden, durch die heute allerlei Schreckvisionen rieseln. Nullwachstum, gar Negativwachstum? Sprachlich monströs und in der Sache ruinös. Warum nicht gleich Rezession?

          Es ist genau das eingetreten, was nicht eintreten sollte: Die Träumer von gestern stehen in der Schmollecke eines Tabus, weil sie sprachfaul waren. Zum Glück nicht überall. In Frankreich läuft die Wachstumsdebatte unter der heiteren Wortschöfung „décroissance“. Kein negativer Anklang also, sondern nur ein wunderliches Präfix, das in Verbindung mit der „croissance“ neugierig macht wie einst bei den Strukturalisten das Wort Dekonstruktion - etwas, das noch im Abbau sich aufbaut.

          Die Utopien fliegen

          Die „décroissance“ ist auf Französisch geläufig, seit Nicolas Georgescu-Roegens Buch „The Entropy Law and the Economic Process“, ein Referenzwerk der Wachstumskritik, 1979 als „Demain la décroissance“ übersetzt wurde. Und morgen ist heute. Wo die Grünen in Deutschland sich pragmatisch auf eine „Grüne Marktwirtschaft“ festlegten und nur vom blinden Wachstum um des Wachstums willen nichts wissen wollen, geht es in der französischen Schmollecke der „décroissance“ hoch her. Die Utopien fliegen. Der Begriff „décroissance“ sei ein Sprengsatz zur Zertrümmerung der dominierenden Wirtschaftslogik, sagt der Soziologe Paul Ariès. Ein anderer, Serge Latouche, spricht lieber von „a-croissance“ - wie bei „Atheismus“.

          Reflexionszirkel halten die „décroissance“ mit Publikationen und Internetseiten im Gespräch, Wachstumsgegner bezeichnen sich stolz als „objecteurs de croissance“, was fast so wie „objecteurs de conscience“ klingt: Kriegsdienstverweigerer aus Gewissensgründen, die erfolgreich ihr Recht darauf erkämpften. Selbst die französischen Grünen haben sich gerade zum Prinzip einer „décroissance solidaire“ bekannt, einem Rückwärtswachstum mit sozialen Abstufungen. Es ist, als schüfe ein quirliger Utopievorschuss in der Nische dieses Tabus den französischen Politikern und Wirtschaftsleuten den nötigen Gedankenspielraum zumindest für kühne Einfälle, wo nicht für Taten. Die deutsche Schrumpfungsrhetorik kann dagegen mit ihrem pragmatischen Runzelgesicht nicht mithalten und auch nicht die aus Amerika importierte Lebensoption des „Downshifting“, die den Gestus des Zurückfahrens aufs Private beschränkt, nach der Losung: Mir reicht's.

          Als Luxus bleibt das Hirngespinst

          Denkt etwas weiter, mahnt der Politologe Onofrio Romano aus Bari in der Herbstnummer von „Entropia“, einer seriös aufgemachten „Revue d'étude théorique et politique de la décroissance“. Er argumentiert dabei im Grunde nicht anders als der provokative französische Öko-Spötter und Klimawandlungsleugner Claude Allègre, der die ökologischen Weltuntergangspropheten gerade wieder als perverse Süchtlinge des Strafknüppels hinstellte. Die umweltbesorgten Wachstumsverweigerer wollten die Verantwortung für das Dreckgeschäft des Einschränkens auf die Natur abschieben - Die Natur wird sich rächen! - und blieben dabei ganz der Effizienzlogik der Konsumgesellschaft verpflichtet, schreibt Romano. Das früher durch Wachstumsbeschleunigung verfolgte Ziel solle nun einfach durch Wachstumsschwund erreicht werden, bleibe sich aber gleich: eine optimale Kosten-Nutzen-Rechnung mit der Natur.

          Romano setzt dagegen das Prinzip der Verausgabung, der dépense, wie Georges Bataille es in „La Part maudite“ formulierte: ein überindividuelles, befreiendes, ans Heilige grenzendes Ausbrechen aus dem Korsett der Nützlichkeit. Diesem archaischen Prinzip des Überschusses, das nicht rechnet, sondern immer neue Lösungen ausprobiert, will Romano dessen Größe, Schönheit, politische Durchsetzungskraft und kosmischen Pulsschlag zurückgeben. Pardon? Angesichts der drohenden Katastrophen in Wirtschaft und Umwelt sei das ein Hirngespinst? Den Luxus wollen wir uns an dieser Stelle auch in Zukunft leisten.

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