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Gesellschaft : Französischer Film gibt Nesthocker-Generation den Namen: „Tanguy“

  • -Aktualisiert am

Bequemer ist es auf der Couch der Eltern Bild: sebastian/plainpicture

Die jungen Franzosen, die sich noch von ihren Eltern daheim verwöhnen lassen, heißen jetzt nach einem Erfolgsfilm: "Tanguy".

          2 Min.

          Etwa ein Fünftel der 25- bis 29-jährigen Franzosen wohnen noch bei den Eltern - ob denen das gefällt oder nicht. Ein Film Etienne Chatiliez', der diese Situation aufgreift, läuft derzeit mit großem Erfolg in den Kinos. Sein Titel "Tanguy" wurde in Frankreich zum Namen für ein Generationenphänomen.

          Der 30-jährige Bertrand aus dem Pariser Vorort Saint-Cloud findet das alles ganz komfortabel: „Meine Mutter wäscht und kocht das Abendessen, Papa kümmert sich um die Einkäufe.“ Nicht im Schlaf denkt der bereits gut verdienende Industrie-Designer daran, den elterlichen Herd endlich zu verlassen. „Die Person ist mir einfach noch nicht begegnet, die mich dazu gebracht hätte, die Nabelschnur zu meinen Eltern zu durchtrennen.“

          Verfilmtes Phänomen

          „Tanguy-Generation“, so heißen nach einem Film-Hit jene jungen Leute mit der Pustekuchen-Haltung, die sich meist nicht um den mehr oder weniger deutlichen Wunsch ihrer Eltern kümmern, die irgendwann wieder ihr eigenes Leben führen wollen. Und Millionen lachen nun über „Tanguy“, den Sinologie-Experten in der Ausbildung, der schon 28 ist und einen Traum-Job in Peking anstrebt. Später einmal. Der Film von Etienne Chatiliez über „Tanguy“ - Ende Mai soll er auch in Deutschland in die Kinos kommen - ist mit gut dreieinhalb Millionen Besuchern zu einem Renner geworden, zumal er Balsam auf die wunden Seelen gestresster Eltern reibt: Man steht nicht mehr so ganz allein mit dem inbrünstigen Wunsch, der Sprössling möge endlich seine Koffer packen.

          Tanguy, den die Oma „unseren Pekinesen“ nennt, ist ein Parade-Beispiel für einen liebenswerten, aber störenden Spätzünder. Er vernascht am laufenden Band kleine Asiatinnen, die am Morgen danach am familiären Frühstückstisch erscheinen. Die Mutter treibt er auf die Psychiater-Couch, weil der Gedanke, dem Sohn schlicht die Tür zu weisen, Schuldgefühle aufkommen lässt. Der Vater setzt schließlich alle Hebel in Bewegung, und er erfindet eine fiese Schikane nach der anderen, um den Sohn wie einen ungeliebten Untermieter rauszuekeln.

          Inspiration zum Film aus Italien

          Den Riesen-Erfolg der glänzenden Komödie macht aus, dass ganz locker ausgesprochen wird, wie viele Eltern zur „Tanguy-Generation“ stehen. In der Region Ile-de-France rund um die Hauptstadt Paris stecken fast zwei Drittel der jungen Erwachsenen im Alter von 20 bis 24 ihre Beine noch unter den elterlichen Tisch. Von den 25- bis 29-Jährigen sind es - wie im Landesschnitt - etwa 20 Prozent. Tendenz steigend. Natürlich sind die Zimmer-Preise für Studenten in der Seine-Stadt zu hoch, und außerdem gibt es zahlreiche junge Arbeitslose. Die Experten sehen aber noch andere Gründe dafür, dass diese Generation so spät flügge wird: Jung und alt seien in ihrer Lebensart zusammengerückt, 50-Jährige heutzutage noch sehr „jugendlich“. Es gibt also wirklich auch eine Art pazifistisches Zusammenleben mehrerer Generationen.

          Dabei zählt man in den südlicheren Ländern wegen der traditionell engen Familienbande weit mehr junge Pantoffel-Helden. In Spanien und Italien, so zeigen Statistiken, leben nahezu 60 Prozent der 25- bis 29-Jährigen noch bei ihren Eltern. In Deutschland ist es etwa jeder Fünfte. Kein Wunder also, dass Laurent Chouchan, der Drehbuchautor des „Tanguy“-Films von einer Zeitungsmeldung aus Italien angeregt wurde: „Eine Mutter ließ die Schlösser ihrer Wohnung auswechseln, um dem tyrannischen 31-jährigen Sohn definitiv die Tür zu weisen“, erzählt Chouchan. Der Sohnemann zog vor Gericht - und wieder bei der Mutter ein. Auch der sympathische Nesthocker Tanguy lässt auf dem Feld nichts unversucht.

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