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Französische Akademien : Niemand will mehr unsterblich werden

  • -Aktualisiert am

Ein Fall für ältere Semester: Drei Mitglieder der Académie française im feierlichen Disput Bild: AFP

Die Aufnahme in eine der großen französischen Akademien gilt als Krönung einer intellektuellen Karriere. Doch prominente Schriftsteller verweigern sich zunehmend dieser Ehre und das Durchschnittsalter der Mitglieder nimmt dramatisch zu. Selbst die berühmtesten Akademien finden keinen Nachwuchs mehr.

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          Die Académie française ist nicht zu verwechseln mit ihrer kleinen Schwester, der Académie Goncourt. Die erste zählt vierzig Mitglieder, die sogenannten Unsterblichen; sie wurde im siebzehnten Jahrhundert gegründet und versteht sich als Garant der französischen Sprache, deren Bewahrung und Pflege. Die zweite, im Jahre 1900 von dem Schriftsteller Edmond de Goncourt gegründet, sollte ursprünglich die Versäumnisse der Académie française nachholen. Denn diese hat etliche große Geister verpasst: Verbissen etwa bewarb sich Emile Zola um die Mitgliedschaft - neunzehnmal vergeblich. Flaubert vermerkte im „Wörterbuch der Gemeinplätze“, man solle über die Académie lästern, aber zugleich versuchen dazuzugehören. Aber auch er erlangte die Unsterblichkeit eines Akademiemitglieds nicht, ebenso wenig wie Baudelaire. Edmond de Goncourt, ein enger Freund Flauberts, dachte sich deshalb ein Trostpflaster für talentierte Schriftsteller aus: einen Literaturpreis. Der Jury als modernerer Version der Académie française sollten lediglich zehn Mitglieder angehören.

          Heute widmet sich die Académie française nach wie vor grammatischen Zweifelsfällen und einem Wörterbuch, das als offiziell anerkanntes Nachschlagewerk gelten soll. Seine neunte Ausgabe allerdings stockt seit 2001 beim Buchstaben R. Die herbstliche Goncourt-Preisverleihung wiederum bildet den Höhepunkt des französischen Kulturlebens, der Erfolg des Siegertitels im Buchhandel ist garantiert.

          Krönung einer intellektuellen Karriere

          In vielem ähneln sich die Akademien. Beide setzen auf Dekorum, sei es bei der Kleidung, sei es bei den feierlichen Sitzungen, den zeremoniellen Riten und Requisiten. Und beide werden nach wie vor von der Pariser intellektuellen Elite als Höhepunkte einer Karriere betrachtet.

          Nun aber müssen sie sich auch der gleichen, immer dringenderen Herausforderung stellen: Wie können sie weiterbestehen? Denn das Durchschnittsalter liegt in der Académie française bei neunundsiebzig Jahren, und als Nächste für eine Mitgliedschaft vorgesehen ist die achtzigjährige Simone Veil. Auch vier Juroren der zehnköpfigen Académie Goncourt sind bereits älter als achtzig. Wie viele von ihnen noch dazu fähig sind, an den Sitzungen regelmäßig teilzunehmen und einen sinnvollen Beitrag zur Arbeit zu leisten, ist schwer abzuschätzen. Man muss aber leider feststellen, dass jene zwei Mitglieder der Académie Goncourt, die kürzlich ihre Jurorentätigkeit niederlegten, einundachtzig und sechsundachtzig Jahre alt und jeweils schon lange gelähmt und blind waren.

          Paradoxien der Unsterblichkeit

          Auch ist das Massensterben des Jahres 2007 bei der Académie française im Gedächtnis geblieben: sechs Tote binnen zwölf Monaten. Die Unsterblichen sind also doch sterblich. Hélène Carrère d'Encausse, secrétaire perpétuel, Ständiger Sekretär der Akademie, äußerte sich gelassen: Es sei nicht ungewöhnlich, dass ein Akademiker versterbe - seit Gründung der Institution gebe es im Durchschnitt zwei Tote pro Jahr. Die Ständige Sekretärin nahm sich Anfang des Jahres sogar noch die Freiheit, sieben Bewerbungen abzulehnen. Doch die Akademiker und die Juroren des Prix Goncourt sind sich des Problems bewusst und versuchen jetzt, der Vergreisung entgegenzusteuern.

          Das ist eine schwierige Aufgabe, denn so glanzvoll die Mitgliedschaft auch wirken mag, haben viele Schriftsteller der jüngeren Generation kein Interesse daran. Sie haben genug zu tun und streben, wenn überhaupt, nach anderen Formen der Anerkennung und Bestätigung. Dagegen setzte Altstaatspräsident Valéry Giscard d'Estaing (Jahrgang 1926) Himmel und Hölle in Bewegung, um trotz des hartnäckigen Widerstandes einer Splittergruppe in den erlauchten Kreis der Académie française aufgenommen zu werden. 2003 gelang es. Der Tageszeitung „Le Monde“ hat er allerdings im vergangenen Jahr seine herbe Enttäuschung anvertraut: „Ich dachte, die Académie wäre der Kreis der französischen Intelligenz. Doch muss ich feststellen, dass sich alles um diese Geschichte mit dem Wörterbuch dreht.“ Seitdem weiß man, dass selbst Giscard d'Estaing keinen Spaß an der Sache hat. Immerhin bezeichnete er die Treffen der Akademiker als „ganz nett“.

          Verweigerung der Literaten

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