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Franz Marcs verschollenes Bild : Das große Suchen

Ein Zeuge behauptet, den verschollenen „Turm der blauen Pferde“ einst in einem Jugendclub gesehen zu haben. Das hilft kaum bei der Suche – und sorgt trotzdem für Diskussionen.

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          Pfadfinder sind im Spurenlesen aufs Beste ausgebildet. So viel ist gewiss: Wäre Franz Marcs Gemälde „Der Turm der blauen Pferde“ 1961 im Haus der Jugend in Berlin-Zehlendorf gewesen, hätte Joachim Nawrocki es gefunden. Der damalige Volontär des „Tagesspiegels“ durchkämmte Keller und Dachboden des Jugendclubs und ließ bestimmt keine Schranktür und kein Heizungsrohr uninspiziert. Suche bis jetzt ergebnislos! Das hatte er der Chefredaktion nach dem ersten Besuch melden müssen. Er kam mehrfach zurück. Aber er kam zu spät – zwölf Jahre zu spät. Als Pfadfinder hatte er im Winter 1948/49 Marcs Bild in der Argentinischen Allee Nr. 28 gesehen. Die Suche nahm er erst auf, als er aus einem Artikel seiner Zeitung erfuhr, dass das bis 1937 im Kronprinzenpalais gezeigte Werk vermisst wird. Identifiziert hatte er es sofort. Er kannte es: von einer Postkarte, die gerahmt in seinem Knabenzimmer hing.

          Nawrocki setzte die Suche bis an sein Lebensende fort, richtete 1980 eine Eingabe an die Stiftung Preußischer Kulturbesitz und stellte sich Journalistenkollegen und Kunsthistorikern als Auskunftsperson zur Verfügung. Einer der Interviewer war Michael Neumann, der für das Münchner Zentralinstitut für Kunstgeschichte die Edition der Erinnerungen von Kurt Reutti vorbereitet, einem Bildhauer und Sammler, der beim Berliner Magistrat in der Zentralstelle zur Erfassung und Pflege von Kunstwerken beschäftigt war. Neumann legte jetzt Widerspruch ein, als Katja Blomberg, die Direktorin des Berliner Hauses am Waldsee, auf einem Symposion des Zentralinstituts Zweifel an Nawrockis Augenzeugenbericht äußerte. Das Haus am Waldsee ist das Nachbarhaus des Hauses der Jugend. Auch dort soll Marcs Bild gesehen worden sein, allerdings schon 1945. Dort und in der Staatlichen Graphischen Sammlung in München findet derzeit eine Ausstellung statt, in der sich Gegenwartskünstler auf die konzeptuelle Jagd nach den verschollenen Pferden machen.

          Als Indizien für die Echtheit von Nawrockis Zeugnis führte Neumann dessen Lebensalter und die Augenschulung gemäß der Methode der weltumspannenden Jugendorganisation an: Der fünfzehnjährige Postkartensammler habe gewusst, was er da gesehen habe. Während Neumann dem Pfadfinderehrenwort beglaubigende Kraft zutraut, neigt Blomberg offenbar zu der Vermutung, Nawrocki sei Mitglied beim Fähnlein Faselkopf gewesen. Warum aber hat Klein Argusauge nicht sogleich Meldung von seinem Fund gemacht? Er wird doch gewusst haben, dass das Bild in ein Museum gehörte. Die Umstände, unter denen er es antraf, waren verdächtig. Verdachtsmoment Nr. 1: Das Gemälde hing nicht an der Wand, sondern war auf dem Treppenabsatz angelehnt. Verdachtsmoment Nr. 2: Es hatte keinen Rahmen. Verdachtsmoment Nr. 3: Es wies zwei oder drei etwa zwanzig Zentimeter lange Schnitte auf. Welchen Rang bekleidete Nawrocki bei den Pfadfindern? Hatte er es noch nicht zum Rottenboss gebracht, durfte er nicht kommandieren? Sonst gäbe es heute vielleicht Ausstellungen über den Mythos der Monument Boys.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

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