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Franz Beckenbauer : Der freie Mann

Außergewöhnliche Eleganz Bild: dpa/dpaweb

Eleganz, Lässigkeit, Nonchalance. Er definierte die Position des Liberos. Anders als viele Sportlerkollegen war Franz Beckenbauer nie ein Thema für die Intellektuellen. Seine Bodenständigkeit hat er bis heute bewahrt.

          Er ackert nicht, er grätscht nicht, und der himmlische Vater ernährt ihn doch: Wer würde zögern, ihn einen Götterliebling zu nennen?

          Edo Reents

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

          Dieses Wort, das in Deutschland zuletzt wahrscheinlich auf Goethe angewandt wurde, fordert Anmut und eine Gelungenheit des Lebens, die nichts mit Mühe und Arbeit zu tun hat, sondern sich, scheinbar, nur aus Talent und Erwählung ergibt - Dinge, die man auch mit Franz Beckenbauer, der mit Goethe immerhin das Sternzeichen teilt, in Verbindung bringt.

          „Die Konstellation war glücklich; die Sonne stand im Zeichen der Jungfrau und kulminierte für den Tag; Jupiter und Venus blickten sie freundlich an, Merkur nicht widerwärtig; Saturn und Mars verhielten sich gleichgültig“ - die berühmten Anfangsworte aus „Dichtung und Wahrheit“ drücken eine freudige Schicksalsergebenheit aus, die manches von dem, was sich fügte, gelassen im dunkeln läßt, und die wohl auch Franz Beckenbauers Teil ist.

          Das Ausmaß seiner Begünstigung scheint grenzenlos, sein Erfolg um so größer, als sich die Eigenschaften, die ihn herbeiführten, gleichsam vor der Negativfolie eines Landes so unübersehbar strahlend entfalteten, das auf diese Eigenschaften selber weitgehend verzichten mußte und sich das lange Zeit auch leisten konnte: Eleganz, Lässigkeit, Nonchalance. Otto Rehhagel erinnert sich daran, wie er ihn das erste Mal sah: „Ich spielte bei Hertha und saß an einem Nachmittag in meinem Cafe. Draußen, auf dem Ku'damm, sah ich plötzlich die Spieler von Bayern München vorbeischlendern. Beckenbauer ragte heraus. Die Eleganz seiner Bewegung, wunderbar, südländisch fast.“

          Der idealtypische Libero

          Beckenbauer wirkte mit seiner aufrechten Körperhaltung, der liebevollen, im besten Sinne spielerischen Ballbehandlung selber wie entmaterialisiert, nach eigenen Gesetzen auch abseits vom Platz handelnd: denen des freien Mannes. In der Position des Liberos, die er recht eigentlich schuf, verdichteten sich Sehnsüchte, die das Land der Opel Asconas und Ford Capris ansonsten nur schwer einzulösen vermochte.

          Es mag eine nationale Eigenheit sein, daß man in Deutschland auf diesen Posten so viel Wert legte wie in keinem anderen Land; aber es war eben Beckenbauer, der ihn auf eine, so zumindest will es uns heute scheinen, idealtypische Weise ausfüllte und die eindeutig besitzstandswahrende Funktion, die damit verbunden war, sprengte.

          Holland und die ganze Welt vergötterten damals einen Stürmer; aber der Ruhm Franz Beckenbauers verblaßte nicht angesichts der Tatsache, daß dieser ihn auf einem vermeintlich unattraktiven, unbeweglichen Abwehrposten verwaltete und mehrte. Hier entfaltete er sich nicht weniger frei und inspiriert als Johan Cruyff, und er war immer so souverän, von einem Vergleich abzusehen und sogar von sich aus glaubwürdig zu behaupten, der Holländer, nicht er sei der beste Europäer aller Zeiten gewesen.

          Außergewöhnlichkeit und Konstanz

          Der sozialliberalen Ära, in der Beckenbauer groß wurde, war dessen anstrengungslose Beweglichkeit zunächst nichts grundsätzlich Fremdes; Willy Brandts Wort „mehr Demokratie wagen“ ging ja in diese Richtung. Um so erstaunlicher, daß der Fußballer sich von Politik so fernhielt und den Kanzler, mit dem gerade der Aufbruch verbunden war, den er fußballerisch verkörperte, einmal als eine Art nationales Unglück bezeichnet hat.

          Daß man ihm diese rustikale, um nicht zu sagen: dumme Äußerung wie viele andere durchgehen ließ und schnell wieder vergaß, ist im Grunde nicht zu begreifen. Nur mit der Außergewöhnlichkeit und Konstanz seiner fußballerischen Leistungen ist es zu erklären, daß alles, was er als nicht mehr Aktiver sagt, wie eine päpstliche Enzyklika aufgenommen wird. Wie bei vielen charismatischen Menschen, so käme auch bei ihm niemand auf die Idee, nach seiner Intelligenz zu fragen.

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