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Franquistische Zensur : Dauersauber

  • -Aktualisiert am

Die US-amerikanische Schauspielerin Rita Hayworth im März 1952 in Hollywood, während in Spanien einige ihrer Filmplakate zensiert wurden. Bild: Picture-Alliance

Der spanische Philologe Jordi Cornellà hat sich mit der Zensur des Franco-Regimes beschäftigt und ist empört: Spanische Verlage verkaufen auch heute noch die zensierten und zusammengestrichenen Texte von damals.

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          Es war eine züchtigere Zeit, als in Spanien zwischen 1939 und 1975 das Franco-Regime herrschte. Wenn Rita Hayworth auf Kinoplakaten zu viel Haut zeigte, pinselten die Zensoren kurzerhand ein schwarzes Kleid darüber. Legten sich europäische Touristinnen im Bikini an spanische Badestrände, stapften Männer in Uniform durch den Sand und nahmen ihre Daten auf. Burkini wäre die Alternative gewesen, aber niemand damals kam auf die Idee. Weil Sex und Politik dem Zensor Schweißausbrüche verursachten, wurden natürlich auch Romane, Erzählungen und Theaterstücke gesäubert.

          Also verwandelt sich in der spanischen Ausgabe von Hemingways Roman „Über den Fluss und in die Wälder“ die Dialogzeile „Sind sie lesbisch?“ in die Frage „Sind sie normal?“ Und weil man weiterstümpern muss, wenn man einmal damit angefangen hat, so wie Macbeth nicht vom Morden lassen kann, wird der englische Satz „I should say they are lesbians“ im Spanischen zu der Versicherung: „Ich würde sagen, sie sind nicht wie alle anderen.“ Was, genau betrachtet, eine Aussage von großer philosophischer Tiefe ist und einen auf die subversive Idee bringen könnte, ein bisschen Zensur im Alltagsleben, ein paar kleine Sprachverbote hier oder da würden den Äußerungen des Menschen sofort einen anderen existentiellen Ernst verleihen.

          Langer Schatten des Regimes

          Nicht ganz so amüsiert war der spanische Philologe Jordi Cornellà von der Universität Glasgow, der die Praxis der franquistischen Zensur wissenschaftlich untersucht hat. Vieles hatte er ja erwartet: etwa, dass die Zensoren der fünfziger und sechziger Jahre die Erotik in sichere Bahnen lenkten und gefährliche Begriffe wie „Ehebruch“ oder „Homosexualität“ umschifften, von politisch heiklen Begriffen wie „Rebell“ oder „Bürgerkrieg“ zu schweigen. Auf Franco durfte sowieso nicht angespielt werden. Dass der Diktator bei Hemingway als „General Fat Ass Franco“ bezeichnet wird, davon haben spanische Leser ebenso wenig erfahren wie von der frechen Hand James Bonds – in „Thunderball“ – auf dem nackten Nippel einer jungen Frau. In der spanischen Ausgabe ruht Bonds Hand an unspezifischem Ort, und man versteht nicht ganz, warum der Agent aufgrund seiner Aktion zwei Zeilen später „die Kontrolle verliert“. Doch Empörung packte den Philologen, als er entdeckte, dass spanische Verlage die zensierten und zusammengestrichenen Texte bis heute verkaufen, auch in Neuausgaben und Nachauflagen. Hemingway, Ian Fleming, James Baldwin, Muriel Spark und andere: retuschiert, übermalt, „gesäubert“.

          Der lange Schatten des Regimes sei noch immer spürbar, folgert Cornellà, und man kann das so sehen. Doch vermutlich sind Faulheit, Profitgier und Indifferenz die stärkeren Motive, und dann läge es wieder einmal am Kapitalismus. Warum die alten Sachen wegschmeißen, wenn sie schon mal da sind und auf die Feinheiten eh keiner achtet? Wir produzieren zu viel Müll. Erhalten wir ein paar alte Bücher, deren textliche Unzuverlässigkeit sich bewährt hat.

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