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Frankreichs Überseekultur : Dumas, weiß

  • -Aktualisiert am

Alexandre Dumas, der Verfasser des „Grafen von Monte Christo“ und der „drei Musketiere“, steht im Mittelpunkt einer Debatte um die französische Überseekultur. Der Anlass ist ein Kinofilm über den Fließbandautor, gespielt von Gérard Dépardieu. Dessen Haut ist weiß. Dumas indes war ein Mischling.

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          Jeder glaubt, Alexandre Dumas zu kennen, den Schriftsteller, der seine Werke am Fließband produzierte. Sie erschienen als Fortsetzungsromane und wurden im Zeilenhonorar bezahlt. Unsterblich sind sie geblieben: „Der Graf von Monte-Christo“, „Die drei Musketiere“. Sie werden gelesen und regelmäßig verfilmt. Und wann immer ein unbekanntes Manuskript auftaucht, wittern die Verleger das große Geschäft. Dumas konnte so produktiv sein, weil er viele Mitarbeiter beschäftigte. Seine Schreibstube war ein Sklavenatelier und der fleißigste und genialste Lieferant Auguste Maquet. Vermittelt hatte ihn Gérard de Nerval. 1858 kam es dann zum Prozess, weil Auguste Maquet vor Gericht Tantiemen und die Anerkennung seiner geistigen Miturheberschaft forderte. Er bekam nur das Geld. Die Werke unter seinem eigenen Namen sind vergessen. In einem Film wird „Der andere Dumas“ nun rehabilitiert – mit einem überzeugenden Gérard Dépardieu als Alexandre Dumas. Doch seine Haut ist so weiß, dass Frankreich sich aufs Neue mit einem Fall von Geschichtsfälschung konfrontiert sieht. Denn Dumas war ein Mischling mit schwarzem Wuschelkopf. Daran erinnerte auch Jacques Chirac, als Dumas 2002 ins Pariser Pantheon überführt wurde: „ein Mulatte mit blauem und schwarzem Blut“.

          Porträt als Menschenschinder und Sklavenhalter

          Am allzu weißen Dépardieu als Hauptdarsteller ereifert sich nun ein Teil der Kritik. Die in einem Verband für ihre Rechte kämpfenden Schwarzen sind konsterniert: „Was geschähe, wenn ein Schwarzer de Gaulle spielen würde?“ Eine Debatte über den Beitrag der französischen Kultur aus Übersee ist entbrannt, und mehrere Fälle aus der Geistesgeschichte werden aufgerollt. Es geht aber auch um ihre Verwendung heute: „Keine Rollen auf der Bühne, im Film und im Fernsehen. Auch nicht als Sprecher. Für eine Synchronisierung werden weiße Stimmen für schwarze Schauspieler eingesetzt, umgekehrt ist das nie der Fall“, kritisiert der Verband. Die Weißwäsche im Film beschränkt sich im Übrigen auf die Haut. Vielleicht aus politischer Überkorrektheit: Alexandre Dumas wird nämlich durchaus als Menschenschinder und Sklavenhalter porträtiert. Ein Schwarzer in der Hauptrolle hätte dem Regisseur womöglich den Vorwurf des Rassismus eingetragen. So muss der im Pantheon als Mischling der „diversité culturelle“ verewigte Dumas auf der Leinwand als nicht ganz authentischer weißer Dichter auferstehen. Die Schreiber aber, die Dumas ausnutzte, werden im Film und im Feuilleton weiterhin „Neger“ genannt.

          Jürg Altwegg
          Freier Autor im Feuilleton.

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