https://www.faz.net/-gqz-9o7k1

Französisches Sommermärchen : Primadonnen gibt es nur im Herrenfußball

Ein Herz für die Fans: Eugenie Le Sommer jubelt über ihr Tor zum 1:0 über Südkorea. Bild: dpa

Sie erleben ihr blaues Wunder: Die Franzosen stehen mit plötzlicher Geschlossenheit bei der WM hinter „Les Bleues“. Können Frankreichs Frauen die Nation versöhnen und den Fußball retten?

          3 Min.

          Von diesem französischen Sommermärchen haben wohl nicht einmal seine Heldinnen, deren Namen noch vor vier Wochen kaum einer kannte, geträumt. Zehn Millionen Zuschauer verfolgten die Spiele der Französinnen im Fernsehen, nach dem ersten hat TF1 die Preise der Werbespots verdoppelt. „Warum wir sie jetzt schon so sehr lieben“, titelte die Boulevardzeitung „Le Parisien“ nach dem zweiten und konstatierte eine „echt populäre Begeisterung“ im Lande.

          Jürg Altwegg

          Freier Autor im Feuilleton.

          Mit den weiblichen „Les Bleues“ befassen sich nunmehr die bekannten Experten des Männerfußballs. Im Fernsehen werden sie von jenen Alibi-Frauen unterstützt, die seit ein paar Jahren auftreten (die ersten waren meist Teilnehmerinnen von Miss-Wahlen). Zum Auftakt zeigte es seine übelste sexistische Fratze. Im Sender RMC Sport verhöhnten zwei Reporter die Brasilianerin, die den Fußballstar Neymar der Vergewaltigung bezichtigte: Der Mann kann jede haben, er bezahlt ihr die Reise nach Paris und bekommt nicht die Traumfrau, die sich auf Instagram anbot, sondern Kreisklasse, und zum Schluss auch noch Ärger mit der Justiz. Nach diesen Worten der Reporter wurden sie vom Sender freigestellt.

          Möglicherweise hatte das Beispiel eine abschreckende Wirkung. Zwar ist die chauvinistische Sprache des Fußballs in den vergangenen Jahren zurückgegangen, aber anzügliche und rassistische Bemerkungen haben sich Reporter immer wieder erlaubt. Auch wenn die Sender dementieren, ihre Mitarbeiter auf die Frauenweltmeisterschaft gezielt vorbereitet zu haben, werden etwa Äußerungen über die Frisuren der Spielerinnen vermieden, und die Regie übt sich in visueller Zurückhaltung. Die Unterhaltungssendungen sind da weniger zimperlich. Befassen mussten sie sich zur Einstimmung mit der Grammatik. Ist die Verteidigerin eine „défenseure“ oder eine „défenseuse“? Da half nicht einmal die Académie Française weiter. Für die Trainerin allerdings schreibt sie „sélectionneuse“ vor: die weibliche Form des „entraîneurs“ ist sexuell vorbelastet.

          An der Seitenlinie: Frankreichs Trainerin Corinne Diacre

          „La Coach“ der Französinnen ist die Schlüsselfigur ihrer Popularität. Die langjährige Nationalspielerin Corinne Diacre hatte als erste Frau eine Männermannschaft trainiert und wurde damals von allen großen Zeitungen bis zur „New York Times“ porträtiert. Mit diesen Erfahrungen wird ihre Aversion gegen die Medien erklärt. Sie ist eine Schülerin von Aimé Jacquet, der die Franzosen 1998 im permanenten Krieg mit der Zeitung „L’Equipe“ zu Hause zum Titel führte – der Chefredakteur musste gehen. „Libération“ beschreibt Diacre als „Mönch-Soldatin“. Doch im Gegensatz zu Jacquet, der auch in der Euphorie spröde und rachsüchtig blieb, gibt sie sich in den Pressekonferenzen, die sie hasst, inzwischen herzhaft ironisch – und selbstironisch: „Ich bin die ‚mère fouettard’“, eine Nikolausin mit der Peitsche, „im Lager ist das Lachen verboten.“

          Die Weltmeisterschaft von 1998 wurde monatelang gefeiert und zum antifaschistischen Gesellschaftsvertrag der multikulturellen Kicker diverser Hautfarben gegen Le Pen verklärt – vier Jahre später war er in der Stichwahl. Auch Macron hat die obszöne Inszenierung des Siegs in Moskau vor einem Jahr nur Unheil gebracht. Mit der Feier im Elysee unter Ausschluss des Volks begann der Verlust seiner phänomenalen Popularität. Umgehend brachen die ersten Skandale seiner Regierungszeit aus, er verlor sein goldenes Händchen für die Reformen und erntete die Revolte der „Gelbwesten“. Schließlich brannte auch noch Notre-Dame.

          Etwas griesgrämig erklärte der Philosoph Alain Finkielkraut, der 1998 die gesellschaftspolitische Überhöhung am heftigsten kritisiert hatte, nichts gegen Frauenfußball zu haben. Aber man solle ihn nicht zum Instrument der Emanzipation hochstilisieren und die Spielerinnen als Avantgarde der Gleichberechtigung zelebrieren. Diese mussten im Vorbereitungscamp ihre Zimmer räumen, als die Nationalmannschaft der Herren kam. 40.000 Euro erhalten sie für den allfälligen Titel – zehnmal weniger als die Männer.

          Es ist ein Fußball mit menschlichem Antlitz, ein Fußball ohne Affären und Skandale. Ob die Frauen dem göttlichen Spiel seine verlorene Unschuld zurückgeben können, bleibe dahingestellt. Aber nicht einmal Blinde könnten seine politische Botschaft und Moral übersehen. Die großgewachsene Verteidigerin Wendie Renard hat mehrere Tore gemacht, oft mit dem Kopf. Mit dem Fuß traf sie ins eigene Tor und verschoss einen Elfmeter – der wiederholt werden musste und den sie selbst verwandelte.

          Primadonnen gibt es nur im Fußball der Männer. Als „Projekt Kollektiv“ beschreiben die Fußballexperten Diacres Erfolgsrezept: Stars werden dem Ensemble unterstellt, notfalls geopfert. Von „Spielerinnen, die uns gleichen“ und der „Kommunion einer gespaltenen Nation“ schwärmt „Le Parisien“. Wenn das nur gutgeht! Am Wochenende stehen die Französinnen im Achtelfinale. Wie immer die WM ausgehen mag: Die Frauen werden ohne jeden Zweifel auch die besseren Verlierer sein.

          Weitere Themen

          Was für eine großartige Geschichte!

          Juan Moreno beim „Spiegel“ : Was für eine großartige Geschichte!

          Der Reporter Juan Moreno hat den Relotius-Skandal beim „Spiegel“ aufgedeckt. Davon handelt sein Buch „Tausend Zeilen Lüge“. Auf der Buchmesse spricht er auch am „Spiegel“-Stand. Wie er dort befragt wird, ist ziemlich bizarr.

          Topmeldungen

          Zwei Stürmer, drei Treffer: Bas Dost hat den zweifachen Torschützen Goncalo Paciencia im Griff.

          3:0 gegen Leverkusen : Die Eintracht begeistert wieder

          In einer mitreißenden Partie bezwingen die Frankfurter Leverkusen 3:0. Die Tore erzielen Paciencia und Dost. Rönnow hält den Sieg fest. Bayer verpasst die Tabellenführung.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.