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Frankreichs Rechte : Weimar sur Seine

  • -Aktualisiert am

Bei einem Zusammenstoß zwischen rechtsextremen Skinheads und Antifa-Mitgliedern hat es einen Toten gegeben. Die Panik, mit der die französische Öffentlichkeit auf diesen Vorfall reagiert, ist bezeichnend.

          Am Anfang war Fred Perry: Rechtsradikale Skinheads und ihre Antagonisten von der Antifa schätzen dieselbe Klamottenmarke. Vergangenen Donnerstag gab es in der Pariser Innenstadt einen Sonderverkauf mit solchen Sachen. Er fand in einer kleinen Wohnung statt, enge Flure, winzige Zimmer, da drin all die Ware. Junge Leute mit kurzen Haaren suchten nach einem schicken Outfit für die helleren und wärmeren Tage, fanden aber: andere junge Leute mit kurzen Haaren. Und zwar ganz andere.

          Wenn es nicht einen Toten gegeben hätte, wäre dieser Beginn eine komische Szene: Antifa wedelt sich durch die Kleiderstangen und erkennt in dem Kaufinteressenten auf der anderen Seite: einen ausgewachsenen Skin, komplett mit Hakenkreuztattoo. Und vice versa. Was andernorts in gegenseitigem Ignorieren, allenfalls in Sprüchen und Schubsen geendet wäre, führte in Paris zum Tod eines Jungen. Vor dem Gebäude prügelten sich die Cliquen, der Schlag eines Skins war tödlich. Die schiere Panik, mit der man in Paris auf diesen Vorfall reagierte, ist ein Zeichen für die Dramatik der politischen Lage in Frankreich. Es gab eine Schweigeminute im Parlament, ein Senator brach im Fernsehen in Tränen aus und der in Japan weilende Staatspräsident veröffentlichte eine Stellungnahme. Innenminister Manuel Valls ging noch vor Abschluss der Ermittlungen ins Fernsehen und bezeichnete das Opfer als militanten Linksextremisten.

          Freude beschrieben die Militanz des jungen Cédric genauer: Als eine rechte Demo unter den Fenstern des Unigebäudes entlang ziehen sollte, schlug Cédric vor, mit Wasser gefüllte Luftballons auf die Teilnehmer zu werfen. Der Mann, der verdächtigt wird, ihn geschlagen zu haben, bevorzugte andere Spielzeuge. Zeugen gaben an, er habe am Donnerstag einen Schlagring eingesetzt. Für die ideologische Aufrüstung werden gerade alle verfügbaren Arsenale gestürmt: „No pasaran“ - unter dem Kampfruf der spanischen Antifaschisten in einem verzweifelten Bürgerkrieg machen es die Freunde Cédrics nicht.

          Wovon die Rechten leben

          Man muss die Frage stellen, ob diese historische Parallele gerechtfertigt ist, ob die politische Realität Frankreichs wirklich solch einen erbitterten Kampf verlangt? Es rächt sich, dass Präsident Hollande, anders als Mitterrand, die extreme Linke nicht in seine Regierung eingebunden hat, denn Mélenchon und Genossen machen nun ordentlich Druck. Und darauf warten, davon leben die Rechten. Unverkennbar ist das Aufblühen, die wachsende Militanz der extremen Rechten. Sie passt zur Strategie der Chefin des Front National, Marine Le Pen, auch brutale rechte Gruppen „nicht zu verteufeln.“ Der Front National ist seit Jahren politisch so erfolgreich, dass auch Teile der bürgerlichen Mitte dazu aufrufen, mit ihm zusammen zu arbeiten. UMP-Chef Copé plädiert seit längerem für eine geeinte Rechte „ohne Komplexe.“ Liegt Weimar jetzt an der Seine? Die französischen Politiker scheinen diesen Film zu brauchen. Den kennen sie wenigstens.

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