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Französische Politik : Jemand mit Eiern

  • -Aktualisiert am

Sie mag es deutlich: die französische Bildungsministerin Najat Vallaud-Belkacem Bild: AFP

Französische Politiker überbieten sich neuerdings mit Kraftausdrücken. Große Geschlechtsteile scheinen der neue Ausweis politischer Kompetenz.

          2 Min.

          An Spekulationen aus dem Sch...haus beteilige ich mich nicht“, wies die für ihr ewiges Mona-Lisa-Lächeln berühmte französische Schulministerin Najat Vallaud-Belkacem den Interviewer zurecht, der sie zu den Gerüchten über einen Rücktritt befragte. Die bedeutenden Dichter und Philosophen, die ihre Schulreform zu kritisieren wagten, hatte die junge Frau als „Pseudointellektuelle“ tituliert. Je stärker in Frankreich der Populismus mit seiner Kritik an den Eliten wird, um so eifriger sind deren Vertreter um penetrante Volksverbundenheit bemüht. Der Rückgriff auf ein vulgäres Vokabular erscheint ihnen dabei als probates Mittel – Sarkozy hat man es noch abgenommen.

          Bei Vallaud-Belkacem sind die Kommunikationsexperten überzeugt, dass es sich um gezielte Entgleisungen handelt. Auch linke Eltern sind entsetzt. Eine Lehrerin hat ihrer Ministerin einen offenen Brief geschrieben, in dem sie auf den Vorbildcharakter des Amts verweist und die fatalen Folgen in den Klassenzimmern beschreibt: „Wir müssen unseren Schülern tagtäglich beibringen, dass sie nur durch Veränderungen ihrer Gewohnheiten bei der Kleiderordnung und im Sprachgebrauch in unserer Gesellschaft eine Chance bekommen.“ Frauen, schreibt sie, würden in den Schulen der Vorstädte systematisch als Schlampen und Nutten bezeichnet. Angesichts der Diskussionen über das Frauenbild des Islams ist es aufschlussreich, die Verrohung der sprachlichen Sitten mit dem verstörten Selbstbewusstsein der französischen Politik in Verbindung zu bringen. „Im ganzen Departement hat Maryse die größten Eier.“ Mit diesem Satz eines Parteifreundes beginnt das Porträt, das die Zeitung „Libération“ Maryse Joissains, der Bürgermeisterin von Aix-en-Provence, widmet. „Ich denke, er hat recht“, kommentiert die 73 Jahre alte Joissains zufrieden das Kompliment. Macho-Sprüche sind im Abendland noch immer gut für die Macht. In den Vereinigten Staaten ist Donald Trump bestrebt, allfällige Zweifel an der Größe seines Geschlechts zu beseitigen.

          Von seiner großen Intelligenz wiederum hat in Frankreich, wo er Präsident werden möchte, der kultivierte Bruno Le Maire gerade erklärt, dass sie sein größtes Handicap sei. Für die Wahl an die Spitze seiner Partei, bei der er Sarkozy unterlag, forderte er „jemanden mit Eiern“. Seine Rivalin Nathalie Kosciusko-Morizet hat ihre Kampfbereitschaft mit dem „Modus der Eier-Transplantation“ unterstrichen. Und beweist ihre Tauglichkeit für das Amt, indem sie an die „Idioten“, als die sie alle Gegner empfindet, systematisch „Sch...“ austeilt. Aber auch im Munde der Frauen taugen Schimpfwörter, so obszön sie sein mögen, nicht zur Revolte gegen die politische Korrektheit.

          Jürg Altwegg
          Freier Autor im Feuilleton.

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