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Frankreichs Fernsehwahlkampf : „Bereit, in den Kampf zu ziehen“

Letzter Schliff: Marine Le Pen wird auf ihren Auftritt in der Fernsehsendung „L’Emission politique“ vorbereitet. Bild: AFP

Die Geburtsstunde eines politischen Talents: Im Fernsehwahlkampf mit Marine Le Pen macht Macrons Europaministerin Nathalie Loiseau klar, wo sie steht. Diese Sendung wird als Lehrstück über die französische Gesellschaft in die Geschichte eingehen.

          Es ist Marine Le Pens Comeback nach ihrem Debakel im Fernsehduell vor der Stichwahl gegen Emmanuel Macron. Locker wie nie hat sie sich auch dazu geäußert. Viel zu anstrengend sei ihr Programm damals im Schlussspurt gewesen, das Scheitern unabwendbar. Drei Stunden dauert die große Politshow im französischen Fernsehen. Mit ihr erreicht Marine Le Pen am Donnerstagabend ähnliche Quoten und Noten wie Premierminister Edouard Philippe. Es ist der Auftakt zur Europawahl.

          Jürg Altwegg

          Freier Autor im Feuilleton.

          Die Sendung wird als Lehrstück über die französische Gesellschaft und Politik in die Geschichte eingehen. Nicht an einer Kreuzung, in einer noblen Pariser Brasserie wird der Stargast mit einigen Gelbwesten konfrontiert. Es gibt einen Besuch im Büro der Politikerin. Fotos der Kinder und mit dem Vater: Marine und Jean-Marie Le Pen, von hinten fotografiert, zwei breite Rücken. Diese Sequenzen werden eingespielt, am Schluss der Inszenierung schaltet man direkt nach London zu Matteo Renzi. Ihren Höhepunkt hat „L’Emission politique“ da bereits hinter sich. Sie heißt tatsächlich so: „Die politische Sendung“.

          „Sie haben zugenommen“, soll Macron gesagt haben

          „Drei Kinder in einem Jahr“ lobt im Vorspiel die Moderatorin Léa Salamé. Auf diese Bilanz – „einmal Zwillinge“ – werden die Gemeinsamkeiten von Marine Le Pen und Nathalie Loiseau reduziert. Macrons Europaministerin hat in letzter Minute den Part übernommen, den mehrere Politiker – auch Regierungsmitglieder – abgelehnt hatten: gegen Marine Le Pen in die TV-Arena zu steigen. „Sie haben zugenommen“, soll Macron jüngst zu seiner Europaministerin gesagt und diese etwas betupft reagiert haben: „An politischem Gewicht.“ Nathalie Loiseau galt als mögliche Spitzenkandidatin seiner Partei für die Europawahl. Die Anekdote steht in einem Porträt, das „Le Monde“ wenige Stunden vor der Sendung veröffentlichte.

          Sie dauert schon rund eineinhalb Stunden, als es zum „Duell“ kommt. Erst im Nachhinein wird einem bewusst, dass die ersten Fragen „zur Aktualität“ an Marine Le Pen den Antisemitismus und den Impfzwang betreffen. Gegen die Epidemie des Antisemitismus schlägt sie sich tadellos, bei den Röteln, die Frankreich ebenfalls heimsuchen, gerät sie als Mutter und Politikerin etwas ins Schwimmen: Wenn schon Impfzwang, dann für alle – auch die Einwanderer.

          Sie muss als Tochter von Jean-Marie Le Pen einiges aushalten

          „Ich bin keine Politikerin, ich bin unbekannt, ich bin keine Erbin“, hebt Nathalie Loiseau an. Marine Le Pen führt den Wahlkampf, will aber nicht ins Europaparlament zurückkehren. Ihr Name steht auf dem letzten Platz der Liste. Spitzenkandidat ist ihr politischer Ziehsohn, der 23 Jahre alte Jordan Bardella, Sohn italienischer Einwanderer. Dem Argument „Erbin“ hält sie entgegen: Nach einem Attentat musste sie ihr Heim Knall auf Fall verlassen. Und auch sonst musste sie als Tochter von Jean-Marie Le Pen einiges aushalten. Dass sie den Vater wegen seiner antisemitischen Provokationen aus der Partei warf, hält sie nicht mehr für erwähnenswert.

          Auch die Moderatorin ist kürzlich Mutter geworden. Die Sendeleiterin lebt mit dem Philosophen Raphaël Glucksmann zusammen, dem Sohn des verstorbenen Philosophen André Glucksmann. Auch der Vater ihres Kindes ist im Wahlkampf engagiert: Er hat im Herbst eine neue Partei gegründet, „Place publique“. Raphaël Glucksmann will die Linke vereinigen. Seiner Lebenspartnerin entgleitet die Debatte im Fernsehen zumindest zeitweise. Dass ihre Stargäste mit lauter Gegnern konfrontiert werden, gehört zum Konzept. Vor Nathalie Loiseau setzt man Marine Le Pen Jacques Attali, den früheren Berater von François Mitterrand, und eine kommunistische Bürgermeisterin nordafrikanischer Herkunft gegenüber.

          Nathalie Loiseau war im diplomatischen Dienst und leitete vor ihrem Eintritt in die Regierung die Kaderschmiede der französischen Bürokratie, die berühmte Ecole Nationale d’Administration (ENA). Am Jahrestag der Befreiung von Auschwitz twitterte sie: „Wir ziehen die europäischen Sterne dem Judenstern vor.“ Der Austausch mit der Gegnerin war wenig ergiebig. Erstmals erschien Marine Le Pen in dieser Sendung als normale Politikerin, an die man sich gewöhnt hat. Ihre Banalisierung ist vollendet. Sie ist sichtlich schlanker geworden und hat das Medium und sich selbst im Griff. Man darf sich auf die Europawahl freuen.

          Nur noch laut auflachen kann Marine Le Pen, als sie merkt, was hier mit ihr gespielt wird. Beinahe verliert sie die Contenance wie damals gegen Macron. Nach unserer Diskussion, zieht Nathalie Loiseau ihre Bilanz, „bin ich bereit, in den Kampf zu ziehen“. Es ist unvorstellbar, dass diese spektakuläre Erklärung ihrer Kandidatur ohne Absprache mit Macron erfolgte. Geschickter hätte man sie nicht inszenieren können. Es ist die Geburtsstunde eines politischen Talents. Die Politikerinnen (und Mütter) werden sich auf Augenhöhe begegnen. Nathalie Loiseau macht in ihrem Schlussvotum auch schon mal die ideologischen Differenzen klar: „Sie haben drei Kinder, ich vier. Und von meinem Vater habe ich den Hass auf die extreme Rechte geerbt.“

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