https://www.faz.net/-gqz-73ja9

Frankreich zensiert : Schlafstörung

  • -Aktualisiert am

Offizielle französische Stellen sorgen sich sehr um das Empfinden islamischer Bürger. In gleich zwei Fällen griffen sie ein. Gefährden sie so voreilig die Freiheit der Kunst?

          1 Min.

          Den „Frühling im Herbst“ zelebrieren jedes Jahr die Festspiele von Toulouse, wo der Oktober meist sehr mild ist. Nicht aber das politische Klima. Die Stadt ist ein Zentrum des französischen Islamismus. Vor ein paar Monaten hat Mohammed Merah sechs jüdische Schüler, französische Soldaten und einen Familienvater ermordet. Die Behörden sind überängstlich geworden. Nach einem Zwischenfall beim Kulturfestival verordneten sie umgehend den Abbruch der Installation „Technologica“ des marokkanischen Künstlers Mounir Fatmi. Es handelt sich um ein Kunstwerk, das Elemente der arabischen Kalligraphie mit den Rädern des Fließbands in Chaplins Film „Modern Times“ verbindet.

          Wegen einer Panne waren Textstellen aus dem Koran auf die Mauer des Rathauses und die Brücke Pont-Neuf projiziert worden. Eine Passantin setzte nichtsahnend ihre Füße auf die Verse und wurde von Muslimen abgewatscht. Die Polizei griff ein. Die verantwortlichen Politiker rechtfertigten die Zensurmaßnahme mit der anhaltenden Empörung der Muslime nach dem amerikanischen Provokationsfilm über den Propheten und den neuerlichen Karikaturen in „Charlie Hebdo“. Als „surrealistisch“ empfand Mounir Fatmi die Vorfälle: „Wir sind in Frankreich. Und nicht etwa im Maghreb oder in Saudi-Arabien. Selbst in Qatar konnte ,Technologica‘ gezeigt werden.“

          Im gegenwärtigen Klima „zu heikel“

          Fatmi lebt in Paris und Los Angeles. Aus Protest gegen das Schweigen der arabischen Intellektuellen nach der Fatwa gegen Salman Rushdie hat er über den verfolgten Schriftsteller einen Film gedreht: Er zeigt ihn beim Schlafen. Fatmis „Sleep“ ist eine Anspielung auf Andy Warhol, der 1963 den Beat-Poeten John Giorno filmte. Für Fatmi zeigt der Schlaf die Verwundbarkeit. Der Film wurde soeben mit großem Erfolg in Belgien gezeigt. In Frankreich stand er wie auch „Technologica“ auf dem Programm der Ausstellung „25 Jahre arabische Kreativität“, die am kommenden Montag im Pariser Institut du Monde Arabe eröffnet wird.

          Doch zumindest „Sleep“ darf nicht gezeigt werden, „zu heikel“ sei der Film im gegenwärtigen Klima, begründet die Institutsleitung ihre Zensur. Sie hat in der abgestumpften Öffentlichkeit keinerlei Protestaktionen ausgelöst. Im französischen Winter verteidigt man die Freiheit des Künstlers offensichtlich nur noch, wenn sie von „Charlie Hebdo“ mit dem Holzhammer missbraucht wird.

          Jürg Altwegg

          Freier Autor im Feuilleton.

          Folgen:

          Weitere Themen

          Wie starb Jimi Hendrix wirklich?

          FAZ Plus Artikel: 50. Todestag : Wie starb Jimi Hendrix wirklich?

          Vor fünfzig Jahren starb Jimi Hendrix nach einem exzessiven Leben. Die Umstände seines Todes sind bis heute mysteriös. Versuch einer Rekonstruktion der letzten Stunden des einflussreichsten Gitarristen der Rockgeschichte.

          Topmeldungen

          „Die Milliardenvermögen dieser Welt beruhen doch auch auf Enteignung“, sagt Janine Wissler.

          Janine Wissler : Die sozialistische Versuchung

          Janine Wissler soll künftig „Die Linke“ führen. Sogar ihre politischen Gegner loben ihr Talent. Da könnte man fast vergessen, dass sie den Umsturz will.
          Vorher-Nachher-Bilder auf Instagram sollen zeigen, dass es nur aufs richtige Posieren ankommt.

          „Same body, different pose“ : Dieser Trend ist kein Empowerment!

          Frauen posten Fotos von sich in zwei verschiedenen Posen, um zu illustrieren, dass alle Körper „normschön“ sein können, wenn man sie nur richtig fotografiert. Das bewirkt viel, aber sicher kein Empowerment.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.