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Frankreich : Wendehälse

  • -Aktualisiert am

In Frankreich drehen sich derzeit mehrere Fähnchen im Wind, die ganz schnell ihre Richtung ändern können. Beständigkeit scheint den französischen Politikern fremd zu sein.

          Jetzt singen sie wieder, die französischen Wendehälse. Frankreichs Geschichte bleibt von Umbrüchen und Regimewechseln geprägt, die Kunst der Anpassung ist eine Voraussetzung für das Überleben. 1944 mutierten vierzig Millionen Pétainisten - von 41 Millionen Franzosen - zu Gaullisten. Es gab die Säuberungen, aber schnell auch eine Amnestie mit dem Versuch, der Gesinnungsschnüffelei in der Vergangenheit Einhalt zu gebieten. Das war nach vielen bürgerkriegsähnlichen Zerreißproben eine Notwendigkeit der inneren Befriedigung.

          Schon 1815 war ein „Dictionnaire des girouettes“ erschienen. So nennt man auf Französisch den Wendehals: er ist eine Wind- und Wetterfahne. Das Lexikon verzeichnet Karrieren, Gefälligkeiten, Gesinnungswechsel. Der „Figaro“ hat sich seiner 2007 erinnert. Mehrere Sozialisten wechselten damals das Lager. Eric Besson verließ das Wahlkampfteam von Ségolène Royal und bezichtigte sich bei Sarkozys Meetings seiner Irrtümer. Man fühlte sich an stalinistische Schauprozesse erinnert. Der Karrierist wurde landesweit bekannt und schnell in die Regierung aufgenommen.

          Sarkozy als Retter der Lage

          Als Superminister ist er übrigens viel weniger gedemütigt worden als der bedeutend prominentere Bernard Kouchner. Der Menschenrechts-Politiker musste Gaddafi empfangen und öffentlich bekunden, dass er nicht die Sozialisten, sondern Sarkozys UMP wählen werde. Seit seinem Ausscheiden aus der Regierung ist er um die Rückkehr zu den Genossen bemüht. Ostentativ hat er sich an deren Vorwahl beteiligt. Lionel Jospins einstiger Kabinettschef Jean-Pierre Jouyet hatte sich ebenfalls den neuen Siegern angeschlossen. Er sähe sich durchaus als Generalsekretär im Elysée unter François Hollande, hat er gerade verlauten lassen: „Ein solches Angebot lehnt man nicht ab.“ Nur wurde es nicht gemacht.

          Genauso peinlich ist Hollande die Unterstützung durch Jack Lang. Er ging für Sarkozy nach Kuba und anderswohin und hat bei einer Verfassungsänderung als einziger Linker für die Regierung gestimmt - seine Freunde nannten ihn einen „Abgeordneten ohne Ehre“. Auch Jacques Attali leitete für den Präsidenten eine Kommission und versucht, sich erneut bei den Sozialisten in Stellung zu bringen.

          Der Wind scheint zu drehen, die wetterfühligen Wendehälse haben dafür ein feines Gespür. Auch Eric Besson. Skrupellos verdreht er einen Artikel des „Economist“ in sein Gegenteil: „Sarkozy kann die Lage retten.“ Ohne ihn ist nur der Wendehals rettungslos verloren. Zumindest bis zur übernächsten Wende.

          Jürg Altwegg

          Freier Autor im Feuilleton.

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