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Frankreich : Risse im Familienfilm

Frivoles Sommertheater: am Strand der Seine Bild: EPA

Die Wälder brannten, die Alten starben, die Menschen drehten durch - und ein Sänger erschlug seine Freundin, die Schauspielerin: Eine Reise durch Frankreich am Ende eines mörderischen Sommers.

          Den Liebhaber spielte der Bruder - unter der Regie der Mutter. Sie, Nadine Trintignant, hatte einst zu den "saloppes" gehört, die sich öffentlich einer Abtreibung bezichtigten. Ihr Film über das chaotische Leben der Schriftstellerin Colette war, wie so oft bei den Trintignants, eine komplizierte Familiengeschichte. Mit ihrem Vater Jean-Louis spielte Marie Theater. An ihrem Grab standen vier Kinder von drei verschiedenen Männern. Ein Sohn war bei den Dreharbeiten in Litauen dabeigewesen und der erste im Hotelzimmer, in dem Marie Trintignant von Bertrand Cantat zu Tode geprügelt worden war. "Elle" hatte einen Reporter vor Ort. Er sollte den Clan der Trintignants für die Sommerserie porträtieren - den Anfang hatte man mit den Freuds gemacht.

          Jürg Altwegg

          Freier Autor im Feuilleton.

          Sie kannten und sie liebten sich seit ein paar Monaten. Noch war ihre Liaison dem Publikum nicht bekannt. "Elle" hatte sich zum Schweigen verpflichtet. Cantat ist als Sänger und Texter der Gruppe "Noir Désir" die Kultfigur der französischen Rockszene schlechthin - ein zeitgenössischer "poète maudit", sensibel und engagiert. Für Marie Trintignant hatte er im Februar seine Frau verlassen, die gerade ihr - und sein - zweites Kind zur Welt brachte. Seine Geliebte war auf seine Gattin genauso eifersüchtig wie er auf die vielen Väter ihrer Kinder. Er sagt, sie habe als erste zugeschlagen. Von den Kulturkritikern werden ihre Rollen und seine Texte auf Hinweise nach dem Ausgang ihrer "Amour fou" befragt. Keiner hat ein Deutungsschema für die Tragödie einer tödlichen Leidenschaft gefunden.

          Der Überbau brach weg

          Auf dem Mont-Blanc schmolz der ewige Schnee. Unter lautem Getöse donnerten die Eisblöcke zu Tal. Die irrealen Ereignisse im fernen Baltikum waren der Auftakt zu Frankreichs mörderischem Sommer. Bei der Tour de France hatte gerade der Amerikaner Armstrong im hundertsten Jahr seinen fünften Sieg errungen. Mit ihrem Ende brach der ganze Überbau weg: Die Festivals fielen den Streiks zum Opfer. Kein Theater in Avignon, keine Oper in Aix, kein Tanz in Montpellier.

          In den Zeitungen war das Thema die Gewalt gegen Frauen. Die berühmte Gisèle Halimi verklärte Marie Trintignants Tod im "Monde" zum Symbol. In "Libération" war vom "alltäglichen Faschismus, dessen manchmal willfährige Opfer die Frauen noch immer sind", die Rede. Zitiert wurden - von angesehenen Magazinen - ein Bericht der WHO, in dem die "eheliche Gewalt als weltweites Gesundheitsproblem Nummer eins" bezeichnet werde, und eine Statistik des Europarats: "Für Frauen zwischen 16 und 44 Jahren ist die Gewalt in der Ehe die hauptsächlichste Todesursache."

          Die Menschen drehten durch

          Doch auch das absurdeste und frivolste Sommertheater verstummte schnell angesichts einer Wirklichkeit, die das Land im Urlaub in ihrer brutalsten Form einholte. Die Wälder brannten, die Flüsse versiegten, die Wiesen verödeten, und die Menschen drehten durch. In Straßburg wurde ein Kind von der Familie über mehrere Tage hinweg zu Tode gefoltert. Ein Säugling verdurstete im Auto, im Zirkus ein Kamel. Ein Behinderter war von seiner Familie, die in den Urlaub wollte, im Billighotel ausgesetzt worden - ein klassisches Schicksal, das bei Ausbruch der Ferien Tausende von Hunden ereilt und ein Dauerbrenner der Massenmedien im Sommerloch ist.

          Das große Sterben der Alten hat keiner kommen sehen. Als man sie abholte, waren die Kühlschränke geöffnet. Seit Tagen hatte des Telefon nicht geläutet. Sie starben so massenhaft, daß die Bestattungsinstitute und die Priester mit dem Verbrennen und dem Begraben nicht mehr nachkamen. Vierzehn Tage Wartefrist. In Rungis, dem Großmarkt bei Paris, hat man einen riesigen Kühlraum für Nahrungsmittel als Leichenhalle verwendet. Auch in Lastwagen wurden die Toten im Dutzend aufgebahrt. Nach Hunderten von ihnen hat sich niemand erkundigt.

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