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Debatte um Molière : Ihm könnte die Versöhnung von Volk und Eliten gelingen

  • -Aktualisiert am

Stahlstich Molières von Adrian Schleich, um 1850 Bild: picture alliance / akg-images

Molière gehört ins Pariser Panthéon. Das fordern einige linke und rechte Politiker in Frankreich. Doch Emmanuel Macron weiß um die Wirkung des Dichters und verweigert ihm den Eintritt.

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          „Ein ganzes Jahr lang feierte Italien den 700. Todestag von Dante“, schwärmt Valérie Pécresse in „Le Monde“ und zählt auf, was das Land rund um die „Göttliche Komödie“ inszenierte. „Und wir?“ Zwar hat Frankreich zum 400. Geburtstag Molières einiges unternommen. „Aber keine nationale Mobilmachung, nichts, um Molière allen Bürgern nahezubringen und ihnen zu zeigen, was er für die Kultur der Welt bedeutet“, klagt die Kandidatin der Republikaner für die Präsidentschaft. Es ist ihre erste kulturpolitische Äußerung. Sie gipfelt im Vorschlag, Molière ins Pariser Panthéon aufzunehmen, den Tempel der weltlichen Republik, in dem sie ihrer Helden und Heiligen gedenkt. Denselben Vorschlag hatte zuvor die Sozialistin Anne Hidalgo gemacht, Bürgermeisterin von Paris und ebenfalls Kandidatin für das höchste Amt im Staat.

          Im Bereich der Kulturpolitik ist die Linke ideenlos wie noch nie, und mit ihrer Vorwahl hat sie dem Wahlkampf den Anschein einer Farce verliehen. Aus zu vielen Kandidaten sollte einer bestimmt werden. 400.000 Bürger machten freiwillig, sechs der sieben Kandidaten widerwillig mit: Sie hatten im Voraus erklärt, dass sie sich nicht an die Resultate halten würden. Es wurden auch nicht die Stimmen gezählt, sondern Einschätzungen vorgenommen. Hidalgo bekam „befriedigend +“. „Gewählt“ mit „ziemlich gut bis sehr gut“ wurde die Frau, die diese Parodie einer Wahl gewollt hatte, die ewig linke Hoffnungsträgerin Christiane Taubira. Sie hatte vor zwanzig Jahren mit ihrer Kandidatur den Sieg des Genossen und Favoriten Lionel Jospin verhindert und so Jean-Marie Le Pen den Weg zur Stichwahl geebnet. Statt eines Einheitskandidaten gibt es jetzt eine weitere Kandidatur.

          Macron wiederum betreibt Wahlkampf, ohne ihn erklärt zu haben. Ihm opfert er Molière. Eigentlich müsste er sich freuen, wenn Linke und Rechte denselben Vorschlag machen. Mit der Aufnahme von Josephine Baker setzte „Jupiter“ Macron ein Zeichen gegen Rassismus und für Inklusion. Doch Molière will er nicht im Panthéon haben. Seit er sie im Schülertheater unter der Regie seiner späteren Frau spielte, weiß er um die Wirkung von Molières genialen Stücken, über die schon Ludwig XIV. lachen musste. Kein anderer Dichter taugt mehr zur Versöhnung des Volks mit den Eliten. Schreckt Macron die Vorstellung, wie Molière den Sonnenkönig der Fünften Republik darstellen würde, der sein störrisches Volk belästigen will – „emmerder“, sagt Macron –, um es zur Impfung zu bewegen?

          Die scheinheilige Begründung aus dem Elysée lässt es vermuten: Das Panthéon sei den Helden seit der Revolution und der Aufklärung vorbehalten. Mit ihrem Erbe, der Vernunft, macht Macron Wahlkampf. Der Präsident ohne Volkspartei setzt auf eine Mehrheit der Mitte und der Impfwilligen. Molière muss draußen bleiben. Die Nebenrolle, die ihm Macrons Gegner im Wahlkampf aufdrängen, ist ohnehin nicht auf der Höhe seiner göttlichen Komödien.

          Jürg Altwegg
          Freier Autor im Feuilleton.

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