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Frankreich in der Finanzkrise : Lieber arm statt reich auf Pump

Die Krise senkt sich auch über den Elysée-Palast, doch Frankreich bleibt einmütig Bild: picture-alliance/ dpa

Plötzlich reden alle von Moral, die Revolution ruft niemand aus: Frankreich erlebt die Finanzkrise als läuternden „Tsunami“ und kehrt auf seinen Sonderweg zurück. Die Kultur boomt, und Sarkozy will den Kapitalismus moralisieren.

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          „Die Politik unseres Landes wird nicht an der Börse gemacht“, hat einst Charles de Gaulle die Welt beschieden. Außenpolitisch ging der Begründer der Fünften Republik den dritten Weg zwischen den Blöcken in Ost und West. Dem entsprach die französische Wirtschaftspolitik: Staatskapitalismus und Sozialstaat. Die Regierung legte ein Mindestgehalt fest. Wichtige Teile der Industrie, die im Krieg mit den Deutschen kollaboriert hatte, waren 1945 verstaatlicht worden. Bei der Energie wie bei der Landesverteidigung setzte man auf Atomkraft als Garant der Unabhängigkeit.

          Jürg Altwegg

          Freier Autor im Feuilleton.

          Die staatliche Industriepolitik brachte die Concorde und den Superschnellzug TGV hervor. Valéry Giscard d’Estaing, von 1974 bis 1981 französischer Staatspräsident, lockerte das Modell mit liberalen Reformen. Er setzte freie Preise durch: für das Brot und die Bücher. Mit der hohen Inflation, der die Gehälter und die Renten angepasst wurden, lebte Frankreich weiterhin gut. Es waren die „trente glorieuses“, die dreißig glorreichen Jahre der Nachkriegszeit: das französische Wirtschaftswunder.

          Frivole Ära des schnellen Geldes

          Präsident Mitterrand geißelte die Zeitgenossen, die sich über Nacht „im Schlaf bereichern“. Er wollte den Kapitalismus abschaffen. Es gab zusätzliche Verstaatlichungen. Bei den Büchern wurde die Preisbindung wieder eingeführt. Der Preis des Brotes blieb frei, die Devisenkontrolle drastisch: Es war verboten, größere Geldsummen außer Landes zu schaffen. Mehrmals wurde der Franc abgewertet. Mit der Erhöhung der Gehälter und Sozialleistungen versuchte man, den Konsum anzukurbeln. Nach zwei Jahren kam die radikale Umkehr – begleitet, ja getragen von einer ideologischen Gegenrevolution. Der exkommunistische Sänger und Schauspieler Yves Montand warb für den neuen Pragmatismus. Im Fernsehen erklärte er die Notwendigkeit des Wirtschaftsliberalismus: „Vive la Crise.“

          Die Franzosen entdeckten die Unternehmer und verklärten sie zu Helden, die Reichtum schaffen. Sie veränderten ihre Beziehung zum Geld, das nicht mehr verschämt versteckt und gehortet, sondern zur Schau gestellt und lustvoll ausgegeben wurde. Der Chansonnier Serge Gainsbourg verbrannte vor Millionen von Fernsehzuschauern einen 500-Franc-Schein. Bernard Tapie kam als strahlender Sanierer bankrotter Unternehmen zuerst in die Regierung und dann ins Gefängnis.

          Der Höhepunkt kurz vor der Krise

          Mit Vivendi erreichte das neue Kapitel in der kurzen Geschichte des französischen Kapitalismus seinen Höhepunkt. Vivendi ging aus der halbstaatlichen Wasserversorgung hervor und wurde binnen weniger Jahre zum internationalen Multimedia-Konzern: Musik, Film, Fernsehen, Presse, Verlage. Nach dem Zerfall gingen die Vivendi-Buchverlage an die französische Dynastie Wendel. Deren Oberhaupt, der Baron Seillière, war gleichzeitig Arbeitgeberpräsident. Vier Jahre lang wurden die Verlage getrimmt und ausgeblutet. Jetzt hat Wendel sie an die spanische Verlagsgruppe Planeta verkauft – zum doppelten Preis. Gerade noch rechtzeitig.

          Drei Manager kassierten je 50 Millionen Euro Bonus. Für die 2500 verbliebenen Mitarbeiter sollte eine Sonderprämie von 600 Euro ausgeschüttet werden. Die Angestellten schrieben an die Kulturministerin und an Präsident Sarkozy – kurz vor der Frankfurter Buchmesse bekamen sie je 1500 Euro.

          Der Prophet der Krise

          In jeder zweiten Krisenanalyse wird auf die ökonomische Wende unter Mitterrand zurückgegriffen. Er hatte mit dem Verzicht auf den Sozialismus die Politik der Wirtschaft ausgeliefert. Damit begann die frivole Ära des schnellen Geldes. Sogar die Parteien waren plötzlich in Finanzskandale verwickelt. Für den Übergang vom Etatismus zum Neoliberalismus stehen einst linke Intellektuelle wie Jacques Attali und Alain Minc. Attali war Mitterrands Berater und wurde zum Direktor der neuen Bank für den Aufbau in Osteuropa, wo er buchstäblich über seine Marmorböden stolperte.

          Mit viel Engagement und Erfolg beschäftigt er sich seit seinem Scheitern als Bankdirektor mit Mikrokrediten für die Dritte Welt – die möglicherweise auch unsere Zukunft sein werden. Für Sarkozy entwarf Attali einen kühnen Katalog von hundertfünfzig notwendigen liberalen Reformen. Ein kurzer Warnstreik der Taxifahrer führte zum Abbruch der Übung. Seit dem Ausbruch der Finanzkrise gibt Attali täglich Interviews als Prophet, der das alles hat kommen sehen.

          Bekehrungen zum Kapitalismus

          Alain Minc beschränkt sich derzeit auf seine Funktion als Berater von Sarkozy und von diversen Unternehmen. Mutig legt er sich bereits mit den neuen Tabus an: Im Radio erzählte Minc ohne Weinerlichkeit, dass sein Vermögen um vielleicht fünfzig Prozent geschrumpft sei. Ansonsten wird in der besseren Gesellschaft so verschämt über die Vermögensverluste gesprochen wie vor dem Sündenfall der achtziger Jahre über das Geld. Zur Krise hat Minc nicht mehr zu sagen als Attali. Er weiß nur, „dass der Kapitalismus wie immer aus seiner Asche auferstehen wird“.

          Jacques Chirac war 1995 ebenfalls mit einer dogmatischen Kampagne gegen den Kapitalismus und den „sozialen Graben“ zum Präsidenten gewählt worden. Noch schneller als Mitterrand vollzog er seine Umkehr. Die Jahre seiner Präsidentschaft waren in ähnlicher Weise von der schmerzhaften Ablösung vom gaullistischen Dogma geprägt. Bei den politischen Entscheidungen und Konflikten ging es nicht um links oder rechts, sondern um den Bruch zwischen dem Volk, dem die Aufbruchstimmung fremd blieb und auch nichts brachte, und den Eliten.

          Kein Ökonom kann es erklären

          Die Politiker haben die gaullistischen und sozialistischen Dogmen verraten. Und die Intellektuellen haben ihre Überzeugungen und Ideale verraten – im Herbst der Finanzkrise hat sich der antitotalitäre Philosoph Pascal Bruckner für eine Werbekampagne einspannen lassen und ausgerechnet eine Hymne auf das Lottospiel angestimmt. Bei der Abstimmung über die EU-Verfassung wiederum hatten die Medien ihre Leser, Zuschauer und Hörer verraten – immer im Namen der Moderne und des Liberalismus als neuer Ideologie und pensée unique.

          In diesem Szenario fehlte nur noch der moralische Bankrott der Banker, Aktionäre und Manager. Auch sie haben ihre letzten Tugenden verraten. Plötzlich reden alle von Moral. Kein Ökonom hat irgendwie plausibel erklären können, wie alles passieren konnte. Man greift besser zu Balzac. Ein Bestsellerphilosoph hat das Neue an der Krise auf den Punkt gebracht: Das Kapital arbeiten lassen und sich mit Geld, das man besitzt, bereichern, sei das Grundprinzip des Kapitalismus, erklärt André Comte-Sponville: „Reichtum schafft Reichtum. Der neue Finanzkapitalismus bedeutet Spekulieren mit Geld, das man nicht hat. Aber Vermögensbildung mit Schulden, auf Pump, ist tödlich. Die Krise zeigt uns, dass der Mensch aus Gier zu allem bereit ist.“

          Sarkozys Wandlung zum Etatisten

          „Wir müssen den Kapitalismus moralisieren“, fordert Nicolas Sarkozy eineinhalb Jahre nach seiner Wahl. Er gewann sie damals durch den Bruch – „la rupture“ – mit der herrschenden politischen Klasse. Sarkozy verkörpert die von jeglichen Komplexen befreite neureiche Vulgarität des leichten Geldes wie kein anderer Politiker. Die Superreichen sind seine Freunde. Auf ihren Jachten machte der gewählte Staatspräsident Gratisurlaub. Umgehend erhöhte er im Elysée sein Gehalt – am liebsten hätte er für seine Minister, die von einem Unternehmensberater benotet werden, wohl auch eine Erfolgsprämie eingeführt.

          In der Krise legt er nun seine Markenartikel ab und mutiert zum Helden des antikapitalistischen Widerstands und internationalen Kriegsführer – Asterix und Napoleon in Personalunion. Ein paar Banker-Köpfe hat er rollen lassen. Für die Abwehr fremder Angriffe auf französische Unternehmen wird ein nationaler Fonds begründet und die Rückkehr zum Primat der Politik eingefordert, und das weltweit. Eine Wirtschaftsregierung soll Europas Geschickte leiten.

          Wieder gefundene Einmütigkeit

          Natürlich wird das Volk die Zeche bezahlen. Aber es hat recht behalten. Der hohe Brotpreis, der 1789 die Revolution auslöste, könnte bald wieder zum Politikum werden. Doch die Stimmung ist überhaupt nicht revolutionär, was wohl auch erklärt, warum ultralinke Fanatiker keinen Aufwind verspüren, sondern unvermittelt terroristische Sabotageakte – gegen die Bahn – inszenieren. Nach den historischen Endspielen unter Mitterrand und Chirac kommt die Apokalypse der Banken wie eine Erlösung. Das wenige, was von der gallischen Tradition und ihren Tugenden geblieben war, hat das Allerschlimmste verhindert.

          Keine Rezession, verkünden gerade die Zeitungen. Die Kultur boomt: Kinos und Museen vermelden phänomenal steigende Besucherzahlen. In seiner wieder gefundenen Einmütigkeit braucht Frankreich nicht einmal einen Sündenbock – keiner hat etwa auf die Schweiz eingeprügelt. Das Land kehrt auf den dritten Weg zurück, von dem es abgekommen war. Das wiegt in dieser Krise, die eine psychologische ist, mehr als die Angst vor der Pauperisierung. Reich auf Pump? Lieber arm mit Staat.

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