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Frankreich in der Finanzkrise : Lieber arm statt reich auf Pump

Alain Minc beschränkt sich derzeit auf seine Funktion als Berater von Sarkozy und von diversen Unternehmen. Mutig legt er sich bereits mit den neuen Tabus an: Im Radio erzählte Minc ohne Weinerlichkeit, dass sein Vermögen um vielleicht fünfzig Prozent geschrumpft sei. Ansonsten wird in der besseren Gesellschaft so verschämt über die Vermögensverluste gesprochen wie vor dem Sündenfall der achtziger Jahre über das Geld. Zur Krise hat Minc nicht mehr zu sagen als Attali. Er weiß nur, „dass der Kapitalismus wie immer aus seiner Asche auferstehen wird“.

Jacques Chirac war 1995 ebenfalls mit einer dogmatischen Kampagne gegen den Kapitalismus und den „sozialen Graben“ zum Präsidenten gewählt worden. Noch schneller als Mitterrand vollzog er seine Umkehr. Die Jahre seiner Präsidentschaft waren in ähnlicher Weise von der schmerzhaften Ablösung vom gaullistischen Dogma geprägt. Bei den politischen Entscheidungen und Konflikten ging es nicht um links oder rechts, sondern um den Bruch zwischen dem Volk, dem die Aufbruchstimmung fremd blieb und auch nichts brachte, und den Eliten.

Kein Ökonom kann es erklären

Die Politiker haben die gaullistischen und sozialistischen Dogmen verraten. Und die Intellektuellen haben ihre Überzeugungen und Ideale verraten – im Herbst der Finanzkrise hat sich der antitotalitäre Philosoph Pascal Bruckner für eine Werbekampagne einspannen lassen und ausgerechnet eine Hymne auf das Lottospiel angestimmt. Bei der Abstimmung über die EU-Verfassung wiederum hatten die Medien ihre Leser, Zuschauer und Hörer verraten – immer im Namen der Moderne und des Liberalismus als neuer Ideologie und pensée unique.

In diesem Szenario fehlte nur noch der moralische Bankrott der Banker, Aktionäre und Manager. Auch sie haben ihre letzten Tugenden verraten. Plötzlich reden alle von Moral. Kein Ökonom hat irgendwie plausibel erklären können, wie alles passieren konnte. Man greift besser zu Balzac. Ein Bestsellerphilosoph hat das Neue an der Krise auf den Punkt gebracht: Das Kapital arbeiten lassen und sich mit Geld, das man besitzt, bereichern, sei das Grundprinzip des Kapitalismus, erklärt André Comte-Sponville: „Reichtum schafft Reichtum. Der neue Finanzkapitalismus bedeutet Spekulieren mit Geld, das man nicht hat. Aber Vermögensbildung mit Schulden, auf Pump, ist tödlich. Die Krise zeigt uns, dass der Mensch aus Gier zu allem bereit ist.“

Sarkozys Wandlung zum Etatisten

„Wir müssen den Kapitalismus moralisieren“, fordert Nicolas Sarkozy eineinhalb Jahre nach seiner Wahl. Er gewann sie damals durch den Bruch – „la rupture“ – mit der herrschenden politischen Klasse. Sarkozy verkörpert die von jeglichen Komplexen befreite neureiche Vulgarität des leichten Geldes wie kein anderer Politiker. Die Superreichen sind seine Freunde. Auf ihren Jachten machte der gewählte Staatspräsident Gratisurlaub. Umgehend erhöhte er im Elysée sein Gehalt – am liebsten hätte er für seine Minister, die von einem Unternehmensberater benotet werden, wohl auch eine Erfolgsprämie eingeführt.

In der Krise legt er nun seine Markenartikel ab und mutiert zum Helden des antikapitalistischen Widerstands und internationalen Kriegsführer – Asterix und Napoleon in Personalunion. Ein paar Banker-Köpfe hat er rollen lassen. Für die Abwehr fremder Angriffe auf französische Unternehmen wird ein nationaler Fonds begründet und die Rückkehr zum Primat der Politik eingefordert, und das weltweit. Eine Wirtschaftsregierung soll Europas Geschickte leiten.

Wieder gefundene Einmütigkeit

Natürlich wird das Volk die Zeche bezahlen. Aber es hat recht behalten. Der hohe Brotpreis, der 1789 die Revolution auslöste, könnte bald wieder zum Politikum werden. Doch die Stimmung ist überhaupt nicht revolutionär, was wohl auch erklärt, warum ultralinke Fanatiker keinen Aufwind verspüren, sondern unvermittelt terroristische Sabotageakte – gegen die Bahn – inszenieren. Nach den historischen Endspielen unter Mitterrand und Chirac kommt die Apokalypse der Banken wie eine Erlösung. Das wenige, was von der gallischen Tradition und ihren Tugenden geblieben war, hat das Allerschlimmste verhindert.

Keine Rezession, verkünden gerade die Zeitungen. Die Kultur boomt: Kinos und Museen vermelden phänomenal steigende Besucherzahlen. In seiner wieder gefundenen Einmütigkeit braucht Frankreich nicht einmal einen Sündenbock – keiner hat etwa auf die Schweiz eingeprügelt. Das Land kehrt auf den dritten Weg zurück, von dem es abgekommen war. Das wiegt in dieser Krise, die eine psychologische ist, mehr als die Angst vor der Pauperisierung. Reich auf Pump? Lieber arm mit Staat.

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