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Frankfurts historische Bausubstanz : Wir hausen im Land der Niederreißer

  • -Aktualisiert am

Verpfuscht restauriert, lieblos behandelt: Die Saalhofkapelle am Historischen Museum in Frankfurt Bild: Felix Schmitt

Mit der einen Hand baut sich Frankfurt neue Denkmäler, mit der anderen vernichtet es originale. Leider macht die Stadt damit überall in der Republik Schule.

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          Sicherheit im Zeichen der Burg“. Jeder kennt diesen Slogan und mit ihm die Silhouette der Nürnberger Kaiserburg. Ein schöner Nebeneffekt dieser Werbekampagne ist es, dass dank ihrer Touristen leichter den Weg in die Burg und ihr Prunkstück, die doppelstöckige Turmkapelle, finden. Kaum ein Besucher vergisst die geschichtsträchtige Atmosphäre dieses um 1200 errichteten Bauwerks. Dass die Bankenstadt Frankfurt nicht nur eine vergleichbar beeindruckende Kapelle besaß, sondern sogar zwei, erscheint so unwahrscheinlich wie die Behauptung, Nürnberg sei Europas Börsenzentrum. Der Grund: Eine der Frankfurter Kapellen wurde vor langer Zeit abgerissen, die andere wird weit unter Wert gehandelt - und beide sind klassische Beispiele für das Schicksal aller Denkmäler, die nicht im direkten Blickfeld der Öffentlichkeit stehen.

          Beginnen wir mit der untergegangenen Kapelle, die um 1190 als Teil des königlichen „Riederhofs“ auf dem fruchtbaren Schwemmland des Mains zwischen Frankfurt und Offenbach entstanden war. Im dreizehnten Jahrhundert verkauften die notorisch klammen Kaiser das Gut an Frankfurter Patrizier, 1492 kam es an das „Hospital zum Heiligen Geist“, das die Anlage zu einer Art städtischer Vorburg ausbaute. Im Jahr 1795 wurde der Kapellenturm wegen Baufälligkeit abgebrochen; eine damals angefertigte Skizze gibt das Innere mit imposant wuchtigen Gewölben und fein gemeißelten Kapitellen wieder. Ansonsten aber blieb das Gut weitgehend intakt: 1880 publizierte der Stadtfotograf Mylius eine Fotoserie des Riederhofs. Sie zeigt das noch immer stattliche fünfgeschossige Herrenhaus mit Spitzgiebel und Eckbossen, romanischen Rundbogenfenstern (Biforien), einem zweigeschossigen Treppenturm und der vermauerten Anschlussstelle der einstigen Kapelle.

          Mittlerweile ohne Anstandsabstände

          Die Bildtexte feierten das monumentale Haus als den ältesten steinernen Profanbau Frankfurts. Das aber änderte nichts an dessen rapidem Verfall. Denn Frankfurt schwelgte wie alle deutschen Städte in Gründerzeiteuphorie. Gebäude, die nicht raschen Profit versprachen, fielen oder verfielen, Güter wie der Riederhof wurden zu Fabriken umgerüstet oder gestutzt. Die Fotokampagne von Mylius bewirkte wenigstens, dass 1901 beim Bau der neuen Industrieachse Hanauer Landstraße mitten durch den einstigen „Nutzgarten Frankfurts“ die Trasse in einem Bogen um den Riederhof geführt wurde. Den Bogen gibt es noch heute, den Riederhof nicht. Er brannte während eines Bombenangriffs 1944 ab; die standfeste Ruine des Herrenhauses wurde 1950 für die Lagerhallen einer Spedition abgerissen. Übrig blieben ein Stück Hofmauer mit Wehrgang, eine gotische Schlupfpforte und das rundbogige Haupttor von 1492 samt „Pechnase“ (Ausguss für kochende Flüssigkeit) und dem Spitalswappen.

          Umzingelt von Bahntrassen, Autobahnen und Kreiseln: Der gotische Torbogen an der Hanauer Landstraße
          Umzingelt von Bahntrassen, Autobahnen und Kreiseln: Der gotische Torbogen an der Hanauer Landstraße : Bild: Felix Schmitt

          Umzingelt von Bahntrassen, Autobahnen und Kreiseln erlebte der Torso den Niedergang der Hanauer Landstraße und ihre Auferstehung als Sitz von Künstlern, Galerien, Kulturinstituten und Werbeagenturen. Diese Renaissance hielt den Ruin des Denkmals nicht auf: Im Abseits stehend, wird der Rest des Riederhofs nun von neuen Containerbauten erdrückt, die die alten Lagerhallen ersetzt haben. Sie hatten noch Anstandsabstände eingehalten, die neuen stehen hautnah an den schütteren Mauern und machen sie zur tragikomischen Kulisse: Die Schlupfpforte wird von Werbetafeln für Billigprodukte verdeckt, das Haupttor führt in einen schäbigen, mit Neonröhren bestückten Gang. Ein so verächtlicher Umgang mit Denkmälern ist selbst im ignoranten Frankfurt selten.

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