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Frankfurts ältestes Druckwerk : Latein lernen mit Tricktrack und Schach

Das „Ludus studentum Friburgensium“ verfolgt einen originellen didaktischen Ansatz. Bild: UB Frankfurt

Nach langer Suche hat Frankfurt das älteste in der Stadt gedruckte Buch erstanden. Das Lateinlehrbuch des Luther-Gegners Thomas Murner versucht anschaulich die Verslehre zu erklären. Nur: Das Ganze ist ein Rätsel.

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          Die Universitätsbibliothek Frankfurt am Main hat soeben das wohl erste jemals in der Stadt gedruckte Buch erworben. Es handelt sich um das in lateinischer Sprache verfasste Lehrwerk „Ludus studentum Friburgensium“ von Thomas Murner, das sein Bruder Beatus 1511, mehr als fünfzig Jahre nach Gutenbergs Erfindung, mit Bleilettern setzte. Der Franziskanermönch Murner, im elsässischen Oberehnheim, dem heutigen Obernai, mit einem Gehfehler zur Welt gekommen, umtriebig ein Leben lang, hielt sich nur zwei Jahre lang als Dozent („Lesemeister“) in Frankfurt auf.

          Uwe Ebbinghaus

          Redakteur im Feuilleton.

          In dieser Zeit entstanden im damaligen Franziskanerkloster, das an der Stelle der Paulskirche lag, insgesamt neun recht schmale Bücher vorwiegend theologischen Inhalts, die bis auf eines von Thomas Murner verfasst, herausgegeben oder übersetzt wurden. Das im Antiquariatsbuchhandel zu einem nicht genannten Preis erstandene Druckwerk von einunddreißig Seiten, das mit seinem wesentlich jüngeren Einband und dem recht kleinen Format von außen wie ein früher Band der Insel-Bücherei aussieht, ist aus heutiger Sicht aus mehreren Gründen kurios. Zum einen macht es deutlich, wie intensiv Studenten im Grundstudium der Septem artes liberales die damalige Wissenschaftssprache Latein zu beherrschen hatten. Das Lehrwerk beschäftigt sich fast ausschließlich mit Regeln und Sonderfällen der lateinische Prosodie und Metrik, die man vor allem für die fortgeschrittene Übersetzung von Dichtung benötigt. Ungewöhnlich schon für seine Entstehungszeit war der von Murner im letzten Satz des Buchs formulierte Imperativ „Solvite problema ludentes“, also: „Löst das Problem spielend!“ Dieser kreative Lehransatz, der sich auch in zwei Kartenspielen niederschlug, die Murner zum Memorieren logischer Grundbegriffe sowie der justinianischen „Institutionen“ entwickelte, wurde von seinen Zeitgenossen argwöhnisch betrachtet.

          Bereits das abgebildete erste Blatt des „Ludus studentum“, auf dem im Titel die Buchstaben „n“ und „m“ durch Kürzungsstriche ersetzt sind – das „Friburgensium“ bezieht sich auf die Lehrtätigkeit Murners in Freiburg –, zeugt von seiner spielerischen Didaktik: Auf ihm ist ein Lehrer mit erhobenem Zeigefinger und einem heute noch vertraut wirkenden Ranzen dargestellt, dessen Vorderseite sich im Buch aufklappen lässt. Dahinter verbirgt sich ein Tricktrack-Brett. Ebenfalls verspielt ist das auf dem Titelblatt dargestellte Wappen, das die „Patientia“ mit der Krone des Poeta laureatus verbindet, zu dem Murner schon 1505 von Kaiser Maximilian I. gekürt worden war. Ist es ein Zufall, dass das Wappen in die Form einer Narrenmütze überzugehen scheint?

          Ein großes Spottgedicht auf Luther

          Das wiederum könnte eine Anspielung auf die zahlreichen Satiren sein, für die Murner zu seiner Zeit berüchtigt war. So schrieb er als einer der entschiedensten Gegner Luthers und der Reformation im Jahr 1522 das äußerst deftige Spottgedicht „Von dem grossen Lutherischen Narren“, in dem er Luther eine von Grind geplagte Tochter andichtet und den Reformator in einer Latrine beerdigt. Typisch für Murner ist aber auch, dass er am Schluss der Luther-Satire, in der er selbst mit einem Katzenkopf auftritt, sich selbstironisch als größten aller Narren bezeichnet. Womit er gleichzeitig auf den ihm von seinen Gegnern verliehenen Spottnamen „Mur-nar“ anspielt, also Kater-Narr.

          Dass er ein ausgeprägtes Selbstvermarktungsbewusstsein besaß, lässt sich auch dem zweiten Holzschnitt des „Ludus studentum“ ablesen, der eine zu Memorierzwecken mit Vokalen und Konsonanten bemalte und mit „Murner“ signierte Hand darstellt. Wie genau die Gedächtnisstützen in diesen didaktischen Spielen funktionierten – auch ein von Buchstaben eingerahmtes Schachspiel und ein komplex aufgebautes Radspiel, eine sogenannte Vovelle, befinden sich in dem noch nicht ins Deutsche übersetzten Buch –, ist bisher nicht geklärt. Was durch seinen spielerischen Ansatz den Eindruck intuitiver Verständlichkeit erweckt, erweist sich bei näherer Betrachtung als verschlüsselt selbst für Lateinkenner. Immerhin haben einige jüngere Aufsätze etwas Licht ins Dunkel der didaktischen Vorbilder Murners gebracht. Eine echte Enträtselung der Holzschnitte steht aber noch aus.

          Bedauerlicherweise fehlt auch eine umfangreiche neuere Biographie des vielseitigen Gelehrten-Schriftstellers, in dessen Leben und Wirken ganze Netflix-Serien stecken. Murner studierte an mehreren Universitäten, darunter die von Köln, Paris, Wien und Krakau, lehrte an mindestens zweien und erlangte einen Doktorgrad in Philosophie und Jurisprudenz. Er übersetzte Vergils „Aeneis“ ebenso wie die „Weltchronik des Sabellicus“ und aus dem Hebräischen. Publizistisch wandte er sich gegen Astrologie, Germanentümelei und vor allem die Spaltung der Kirche. Zahlreich waren dementsprechend seine Gegner. In den anhaltenden Reformations- und Lutherfeierlichkeiten – 2021 geht es weiter – sollte seine Stimme als erhellender Gegenpol eine größere Rolle spielen.

          Ein Interview mit dem Leiter der Handschriften- und Inkunabelabteilung an der Universitätsbibliothek Frankfurt am Main zum „Ludus studentum“ lesen Sie hier

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