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Architekturbiennale : Es gibt keine Flüchtlings-, sondern eine Wohnungskrise

Nehmen Kurs auf Venedig: der Direktor des Deutschen Architektur Museums Peter Cachola Schmal (l.) und Kurator Oliver Elser Bild: Esra Klein

Ein Frankfurter Team kuratiert die Ausstellung im deutschen Pavillon auf der Architekturbiennale von Venedig. Ein Gespräch über die richtige Architektur für Flüchtlinge.

          5 Min.

          Im deutschen Pavillon der Architekturbiennale in Venedig wollen Sie ein hochaktuelles, aber auch umstrittenes Thema ausstellen: „Making Heimat – Germany, Arrival Country“. Mit Blick auf die Stimmungs- und Nachrichtenlage in Deutschland: „Schaffen Sie das?“

          Rainer Schulze

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Peter Cachola Schmal: Wir schaffen das! Aber wir beobachten natürlich wie alle anderen in Deutschland mit angehaltenem Atem die Entwicklung. Viele Städte widmen sich der Aufgabe, die Flüchtlinge zu versorgen mit viel Herzblut und meistern die Situation sehr gut.

          Oliver Elser: Die Rückmeldungen der Architekten auf unseren „Call for Projects“ nach Flüchtlingsunterkünften in Deutschland sind sehr positiv. Ihre Euphorie ist ungebremst, sie haben gute Ideen und wollen ihre Projekte realisieren. Es ist wirklich so etwas wie eine Stunde der Architekten, die wir gerade erleben.

          Was verstehen Sie unter „Making Heimat“, Heimat zu schaffen?

          Elser: Wir werden in Venedig keine Ausstellung über Flüchtlingsarchitektur zeigen, sondern es soll um erfolgreiche Integrationsmodelle gehen. Eine zentrale Frage lautet: Was kann eine Stadt tun, damit aus Flüchtlingen Einwanderer werden können? Wir sehen die Architektur nicht nur unter dem Aspekt vorübergehender Unterbringung, wichtig ist auch, dass sie von Dauer ist. Wir werden sehen, wie viele Migranten wieder nach Hause gehen, wenn der Krieg einmal vorbei ist. Viele werden auch bleiben.

          Die Flüchtlinge von heute sind die Nachbarn von morgen?

          Schmal: Nicht nur das. Viele der Flüchtlinge von heute sind die neuen Deutschen von morgen. Wir reden vom Begriff „Migration“, müssten aber eigentlich von „Immigration“ reden. Deutschland hat sich noch nicht dazu bekannt, ein Einwanderungsland zu sein. Wir sind es aber de facto und müssen uns dieser Aufgabe stellen. Viele Neuankömmlinge werden einmal Bundesbürger sein, mit allen Rechten und Pflichten. Sie werden als Steuerzahler, Studenten, Arbeiter hier leben. Nicht als passive Flüchtlinge, die eine Betreuung erhalten, sondern als aktive Einwanderer. Das muss man fördern.

          Wie wollen Sie eine derart abstrakte Debatte ausstellen?

          Elser: Was man genau sehen wird, wollen wir noch nicht verraten. Mit den Berliner Gestaltern „Something Fantastic“ entwickeln wir eine Rauminstallation, die das Thema reflektiert und ein durchaus radikales Zeichen setzen wird. Dann werden wir Thesen zur „Arrival City“ formulieren, in Absprache und mit Beratung von Doug Saunders ...

          ... dem Autor des gleichnamigen Standardwerks...

          Elser: ... die wir reportagehaft mit Beispielen aus dem deutschen Alltag hinterlegen. Außerdem werden wir zeigen, wie Flüchtlinge in Deutschland untergebracht werden und fragen nach der Rolle von Architektur und Stadtplanung.

          Sie haben um die Zusendung neuer Projekte zum Bauen und Planen für Flüchtlinge gebeten. Wie war die Resonanz?

          Elser: Wir haben bislang etwa fünfzig bis sechzig Rückmeldungen bekommen, von der unmittelbaren Erstversorgung bis zum langfristigen Wohnungsbauprojekt. Eine Auswahl zeigen wir auch im Pavillon und dokumentieren sie auf einer eigenen Internetseite. Am 10. März schalten wir die Seite makingheimat.de frei. Die Resonanz ist schon jetzt sehr groß. Wir haben inzwischen eine Art Beratungsfunktion, immer mehr Kommunen, die der Lage Herr werden müssen, fragen uns nach Referenzprojekten.

          Schmal: Es geht nicht um die schönsten Konzepte für Flüchtlingsbauten, sondern um reale Projekte. Wir wollen die Realität abbilden.

          Können Sie Beispiele nennen?

          Elser: Es beginnt bei Leichtbauhallen in München für die Erstversorgung. Von Architekten geplant, mit einer hohen Aufenthaltsqualität. Sie zeigen, dass es auch andere Wege gibt, als die Bundeswehr anzurufen, die dann ein paar Zelte hinstellt. Einen Schwerpunkt bilden sicher Holzmodulbauten, die überall entstehen. Mit unterschiedlichen Raumkonzepten, von kleinen Zellen bis zu großzügigen Lösungen für Wohn- und Familiengemeinschaften. Oft planen die Architekten ganz normale Wohnungen. Das Nadelöhr ist in vielen Fällen aber das Planungsrecht, nicht der eigentliche Bau.

          Notlösung: Wohncontainer in einer Asylbewerberunterkunft in Kiel

          Es drängt sich der Eindruck auf, als arbeiteten die Behörden noch an der „Übergangsfront“: Die meisten Flüchtlinge, deren Asylanträge nicht beschieden sind, leben noch in Wohnheimen. Es fehlt aber langfristig dauerhafter, bezahlbarer Wohnraum für das Existenzminimum. Passiert da genug?

          Elser: Die Frage nach dem „Wohnen für das Existenzminimum“ hat sich schon Ernst May in den zwanziger Jahren gestellt. Wir wollen sie in der Ausstellung aufgreifen. Könnte man das nicht heute wörtlich nehmen und wiederholen? Wir werden mit Architekten sprechen, welche Hindernisse dem entgegenstehen. Was kostet eigentlich ein Ernst-May-Haus heute? Und könnte es nicht ein Modell sein?

          Schmal: Wir haben in allen deutschen Großstädten das gleiche Problem. Es fehlen günstige Wohnungen. Wo sind die Mietwohnungen für acht Euro pro Quadratmeter? Grund und Boden sind dafür zu teuer, die baulichen Standards zu hoch. Das sind die Riesenthemen unserer Zeit. Die Politik hat dieses Thema lange verschlafen.

          Elser: Man kann es so zusammenfassen: Wir haben keine Flüchtlingskrise, sondern eine Wohnungskrise.

          Fürchten Sie keine Neiddiskussion?

          Elser: Wir sollten nicht nur für eine bestimmte Gruppe bauen, sondern müssen das Segment des Wohnraums für die untere Mittelschicht vergrößern. Davon wird der gesamte Wohnungsmarkt profitieren. Es geht um Bauen für alle.

          Sie beziehen sich auf Doug Saunders und seine Theorie der „Arrival City“. Wie können unsere Städte zu Ankunftsstädten werden?

          Elser: Saunders hat zu einem wichtigen Perspektivwechsel beigetragen. Er hat weltumspannend Slums, Favelas und „schlechte Viertel“ auch in Europa beobachtet. Diese Viertel bleiben arm, aber ihre Bewohner haben eine hohe Fluktuation. Viele kommen dort an, bleiben aber nicht. Eine Ankunftsstadt bietet günstige Mieten, Zugang zu Arbeitsplätzen, ein kulturelles, ethnisches Netzwerk, das die Ankommenden aufnimmt. Ihnen gelingt dann oft ein sozialer Aufstieg. Dieses Modell kann man auf hiesige Verhältnisse übertragen. Die Stadt Offenbach zum Beispiel bezeichnet sich selbst als „port of entry“ des Rhein-Main-Gebiets. Die Leute kommen dort an und etablieren sich. Wenn sich ihre Lebensumstände verbessert haben, machen sie den nächsten Schritt und gehen woanders hin. Es stellt sich die Frage, ob man diese Ankunftsorte unbedingt verbessern muss. Oder sind sie gut, so wie sie sind, weil sie eine wichtige Funktion erfüllen?

          Schmal: Statistisch betrachtet, mögen sich die ökonomischen Kennzahlen dieser Viertel nicht verbessern. Aber die einzelnen Menschen, die den Ort durchlaufen haben, nutzen ihn als soziales Sprungbrett. Die einzelnen Menschen haben sich verändert, der Ort nicht. Offenbach macht den ersten Schritt der Integrationsleistung, die anderen Städte freuen sich darüber.

          Offenbach macht die Drecksarbeit?

          Schmal: Genau, das wird einem nur selten gedankt. Wir reden auf der Biennale nicht über Slums in aller Welt, sondern über Deutschland. Wir schauen mit einer neuen Perspektive auf diese Orte und erkunden, ob ein förderliches Umfeld für Migranten existiert oder nicht. Ob die Möglichkeit besteht, sich ökonomisch zu entfalten. Das ist ein echtes Problem in Deutschland.

          Elser: Es gibt eine schöne Definition, die wir gemeinsam mit Doug Saunders herausgearbeitet haben: „An Arrival City is a city within a city.“ Die Arrival City auf der grünen Wiese ist nicht denkbar. Jede größere Stadt hat ein Viertel, das als Arrival City funktioniert.

          Sind die Ankunftsbedingungen in der Stadt per se besser als auf dem Land?

          Schmal: Eine urbane Umgebung ist hilfreich. Sogar ethnisch homogene Viertel können in gewissen Grenzen unterstützend wirken. Die Idee der Residenzpflicht ist aus verwaltungstechnischer Sicht nachvollziehbar, aber falsch. Warum soll ein Neuankömmling an einem strukturschwachen Ort bleiben, wenn sich die Bevölkerung, die vorher dort gelebt hat, schon aus guten Gründen verabschiedet hat? Die Einheimischen sind ja nicht wegen des schlechten Wetters weggezogen, sondern weil die Orte ökonomisch nicht tragfähig waren und die Menschen für sich und ihre Kinder dort keine Zukunft gesehen haben.

          Welche Ansätze gibt es, um bezahlbaren Wohnraum zu schaffen? Welchen Beitrag können die Flüchtlinge möglicherweise auch selbst leisten, zum Beispiel in Ausbauhäusern?

          Schmal: Leider gibt es bisher unter den eingesandten Projekten keine Ausbauhäuser, aber wir wünschen uns das. Der diesjährige Direktor der Biennale, Alejandro Aravena, hat diese Ausbauhäuser in Chile propagiert. Dort hat er ein halbes Haus für 7000 Dollar im Rohbau hingestellt, mit Erschließung, Strom, Wasseranschluss und tragfähiger Decke fürs nächste Obergeschoss. Die Bewohner bauen den Rest in Eigeninitiative aus. Warum gibt es das bei uns nicht? Viele Betreiber von Unterkünften stellen sich doch die Frage: Was mache ich mit tausend kräftigen jungen Männern, wie gehe ich mit ihrer überschüssigen Energie um? Warum baut man nicht mit ihnen zusammen etwas auf? Wahrscheinlich können einige gut mit ihren Händen umgehen, möglicherweise sind einige Handwerker darunter. Man sollte dieses Potential nutzen. Sie wollen doch, am anderen Ende der Welt endlich angekommen, mit ihrem neuen Leben loslegen und nicht tatenlos warten, bis ihr Asylantrag genehmigt ist.

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