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Architekturbiennale : Es gibt keine Flüchtlings-, sondern eine Wohnungskrise

Schmal: Statistisch betrachtet, mögen sich die ökonomischen Kennzahlen dieser Viertel nicht verbessern. Aber die einzelnen Menschen, die den Ort durchlaufen haben, nutzen ihn als soziales Sprungbrett. Die einzelnen Menschen haben sich verändert, der Ort nicht. Offenbach macht den ersten Schritt der Integrationsleistung, die anderen Städte freuen sich darüber.

Offenbach macht die Drecksarbeit?

Schmal: Genau, das wird einem nur selten gedankt. Wir reden auf der Biennale nicht über Slums in aller Welt, sondern über Deutschland. Wir schauen mit einer neuen Perspektive auf diese Orte und erkunden, ob ein förderliches Umfeld für Migranten existiert oder nicht. Ob die Möglichkeit besteht, sich ökonomisch zu entfalten. Das ist ein echtes Problem in Deutschland.

Elser: Es gibt eine schöne Definition, die wir gemeinsam mit Doug Saunders herausgearbeitet haben: „An Arrival City is a city within a city.“ Die Arrival City auf der grünen Wiese ist nicht denkbar. Jede größere Stadt hat ein Viertel, das als Arrival City funktioniert.

Sind die Ankunftsbedingungen in der Stadt per se besser als auf dem Land?

Schmal: Eine urbane Umgebung ist hilfreich. Sogar ethnisch homogene Viertel können in gewissen Grenzen unterstützend wirken. Die Idee der Residenzpflicht ist aus verwaltungstechnischer Sicht nachvollziehbar, aber falsch. Warum soll ein Neuankömmling an einem strukturschwachen Ort bleiben, wenn sich die Bevölkerung, die vorher dort gelebt hat, schon aus guten Gründen verabschiedet hat? Die Einheimischen sind ja nicht wegen des schlechten Wetters weggezogen, sondern weil die Orte ökonomisch nicht tragfähig waren und die Menschen für sich und ihre Kinder dort keine Zukunft gesehen haben.

Welche Ansätze gibt es, um bezahlbaren Wohnraum zu schaffen? Welchen Beitrag können die Flüchtlinge möglicherweise auch selbst leisten, zum Beispiel in Ausbauhäusern?

Schmal: Leider gibt es bisher unter den eingesandten Projekten keine Ausbauhäuser, aber wir wünschen uns das. Der diesjährige Direktor der Biennale, Alejandro Aravena, hat diese Ausbauhäuser in Chile propagiert. Dort hat er ein halbes Haus für 7000 Dollar im Rohbau hingestellt, mit Erschließung, Strom, Wasseranschluss und tragfähiger Decke fürs nächste Obergeschoss. Die Bewohner bauen den Rest in Eigeninitiative aus. Warum gibt es das bei uns nicht? Viele Betreiber von Unterkünften stellen sich doch die Frage: Was mache ich mit tausend kräftigen jungen Männern, wie gehe ich mit ihrer überschüssigen Energie um? Warum baut man nicht mit ihnen zusammen etwas auf? Wahrscheinlich können einige gut mit ihren Händen umgehen, möglicherweise sind einige Handwerker darunter. Man sollte dieses Potential nutzen. Sie wollen doch, am anderen Ende der Welt endlich angekommen, mit ihrem neuen Leben loslegen und nicht tatenlos warten, bis ihr Asylantrag genehmigt ist.

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