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Architekturbiennale : Es gibt keine Flüchtlings-, sondern eine Wohnungskrise

Schmal: Es geht nicht um die schönsten Konzepte für Flüchtlingsbauten, sondern um reale Projekte. Wir wollen die Realität abbilden.

Können Sie Beispiele nennen?

Elser: Es beginnt bei Leichtbauhallen in München für die Erstversorgung. Von Architekten geplant, mit einer hohen Aufenthaltsqualität. Sie zeigen, dass es auch andere Wege gibt, als die Bundeswehr anzurufen, die dann ein paar Zelte hinstellt. Einen Schwerpunkt bilden sicher Holzmodulbauten, die überall entstehen. Mit unterschiedlichen Raumkonzepten, von kleinen Zellen bis zu großzügigen Lösungen für Wohn- und Familiengemeinschaften. Oft planen die Architekten ganz normale Wohnungen. Das Nadelöhr ist in vielen Fällen aber das Planungsrecht, nicht der eigentliche Bau.

Notlösung: Wohncontainer in einer Asylbewerberunterkunft in Kiel

Es drängt sich der Eindruck auf, als arbeiteten die Behörden noch an der „Übergangsfront“: Die meisten Flüchtlinge, deren Asylanträge nicht beschieden sind, leben noch in Wohnheimen. Es fehlt aber langfristig dauerhafter, bezahlbarer Wohnraum für das Existenzminimum. Passiert da genug?

Elser: Die Frage nach dem „Wohnen für das Existenzminimum“ hat sich schon Ernst May in den zwanziger Jahren gestellt. Wir wollen sie in der Ausstellung aufgreifen. Könnte man das nicht heute wörtlich nehmen und wiederholen? Wir werden mit Architekten sprechen, welche Hindernisse dem entgegenstehen. Was kostet eigentlich ein Ernst-May-Haus heute? Und könnte es nicht ein Modell sein?

Schmal: Wir haben in allen deutschen Großstädten das gleiche Problem. Es fehlen günstige Wohnungen. Wo sind die Mietwohnungen für acht Euro pro Quadratmeter? Grund und Boden sind dafür zu teuer, die baulichen Standards zu hoch. Das sind die Riesenthemen unserer Zeit. Die Politik hat dieses Thema lange verschlafen.

Elser: Man kann es so zusammenfassen: Wir haben keine Flüchtlingskrise, sondern eine Wohnungskrise.

Fürchten Sie keine Neiddiskussion?

Elser: Wir sollten nicht nur für eine bestimmte Gruppe bauen, sondern müssen das Segment des Wohnraums für die untere Mittelschicht vergrößern. Davon wird der gesamte Wohnungsmarkt profitieren. Es geht um Bauen für alle.

Sie beziehen sich auf Doug Saunders und seine Theorie der „Arrival City“. Wie können unsere Städte zu Ankunftsstädten werden?

Elser: Saunders hat zu einem wichtigen Perspektivwechsel beigetragen. Er hat weltumspannend Slums, Favelas und „schlechte Viertel“ auch in Europa beobachtet. Diese Viertel bleiben arm, aber ihre Bewohner haben eine hohe Fluktuation. Viele kommen dort an, bleiben aber nicht. Eine Ankunftsstadt bietet günstige Mieten, Zugang zu Arbeitsplätzen, ein kulturelles, ethnisches Netzwerk, das die Ankommenden aufnimmt. Ihnen gelingt dann oft ein sozialer Aufstieg. Dieses Modell kann man auf hiesige Verhältnisse übertragen. Die Stadt Offenbach zum Beispiel bezeichnet sich selbst als „port of entry“ des Rhein-Main-Gebiets. Die Leute kommen dort an und etablieren sich. Wenn sich ihre Lebensumstände verbessert haben, machen sie den nächsten Schritt und gehen woanders hin. Es stellt sich die Frage, ob man diese Ankunftsorte unbedingt verbessern muss. Oder sind sie gut, so wie sie sind, weil sie eine wichtige Funktion erfüllen?

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