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Frankfurter Stadtgeschichte : Jeder Zweite trägt Uniform

  • -Aktualisiert am

Einer arbeitet, drei schauen zu: Im Hintergrund das mondäne Schauspielhaus, 1905 erbaut, 1960 abgerissen Bild: Tobias Picard

Alles schön trügerisch bunt: Der Fund farbiger Privatfotografien korrigiert unser Bild der Stadt Frankfurt in der Zeit des Zweiten Weltkriegs. Schon unter Hitler begann die Beseitigung der alten Stadt, deren Schönheit jetzt wiedererstehen soll.

          Tiefsinn? Zufall? Eine Dame, Römernase, verhangener Blick, über den Schultern einen üppigen Pelz, schaut nach rechts aus dem Bild. Hinter ihr, abgetrennt durch dichtgereihte Gitterstäbe, reckt, ebenfalls mit Rätselaugen, eine Raubkatze ihr markantes Profil in die entgegengesetzte Richtung. Natürlich denkt man sofort an Rilkes Panther-Gedicht. Oder war es damals - die Aufnahme stammt aus den dreißiger Jahren - verboten? War es nicht. Aber der Dichter war allseits verpönt als parfümierter Schreiberling „undeutsch“ schlaffer Machwerke.

          So wird es wohl eher der Sinn für Komik oder Tragik, vielleicht ein Geistesblitz gewesen sein, der damals einen unbekannten Hobbyfotografen im Frankfurter Zoo den Auslöser drücken ließ. Frankfurts Institut für Stadtgeschichte, in dem der Schnappschuss mit den Abzügen von 149 weiteren historischen Farbdias ausgestellt ist, kann gleichfalls nur mutmaßen. Das gilt für das Zoo-Dia, das Gros der übrigen ausgestellten sowie für weitere 450 Farbdias, die der Historiker und Archivar Tobias Picard vor einiger Zeit entdeckte. In den frühen fünfziger Jahren, als das Institut noch den treffend kurzen Namen Stadtarchiv trug, sind sie von Privatleuten dort übergeben worden. Sie wurden gelagert und irgendwann in der Fülle der Materialien vergessen.

          Eine aufgeräumte, beneidenswert solide Stadt

          In monatelanger Arbeit fand Tobias Picard die Standorte der Fotografen heraus, identifizierte die Bauwerke, Straßen und Plätze, die darauf zu sehen sind, manchmal auch die Menschen. Zur Kostbarkeit werden die Dias durch ihre Farbigkeit. Obwohl inzwischen auch Farbaufnahmen und Farbfilme die dreißiger und vierziger Jahre dokumentieren, sind diese beiden grauenerregenden Jahrzehnte des zwanzigsten Jahrhunderts schwarzweiß in unser Bildgedächtnis eingeprägt - und damit entrückt, verfremdet.

          Ein Zeppelin über der Altstadt, die wenig später dem Bombenkrieg zum Opfer fiel

          Grundsätzlich ändert die Ausstellung dieses innere Bild nicht. Denn die Farben sind extrem blass, oft irritierend blau- oder grünstichig, so, als würde sich in ihnen das abrupte Sterben der damaligen Realität im Zeitlupentempo wiederholen. Aber ein wenig näher rückt einem dank der Farbigkeit diese versunkene Welt doch.

          Untergründig nervös steht man vor den Abzügen, erkennt einiges wieder, sucht nach Indizien für die Dramen, die sich mit dem Beginn der Diktatur zusammenbrauten. Die Bilder aber geben wenig preis. Sie zeigen eine aufgeräumte, beneidenswert solide Stadt; Altstadtidyllen und Großstadtmonumente, Wurststände und Kneipen, Kinos, Vergnügungspaläste, Museen, Parks und Sportplätze, alles wirkt sonderbar adrett, fast klinisch.

          Anziehungskraft und Zeugenschaft

          Selbst Baustellen und die Abbruchstellen der partiellen, radikalen Altstadtsanierungen, die im NS-Jargon „Altstadtgesundung“ hießen, wirken ordentlich. Irgendwann fallen einem bei dieser Aufgeräumtheit die Kampagnen ein, mit denen das NS-Regime die Bevölkerung auf den Krieg einstimmte - die Verdunklungsübungen, das verordnete Großreinemachen in Kellern und Dachböden, die von brennbaren Materialien gesäubert werden mussten, die Anlage von Luftschutzräumen.

          Nun fällt auch auf, dass immer weniger junge Männer im Straßenbild zu sehen sind, während die Zahl der Greise auffallend groß ist. Wie diese Aufnahmen werden einem auch die von spärlich bevölkerten oder gespenstisch leeren Straßen und Plätzen zu Menetekeln des aufziehenden Kriegs.

          Was uns zentrale Botschaft ist, vollzog sich damals hinter dem Rücken der Beteiligten. Wie heutigen Durchschnittsfotografen ging es auch den damaligen offenkundig um gefällige Fotografien für das Familienalbum oder die Privatdokumentation ihrer Stadt. Bauliche und ästhetische, soziale und politische Extreme wurden gemieden. Doch liegt gerade darin die Anziehungskraft und Zeugenschaft: Anders als in den ausgesuchten Bildstrecken offizieller Dokumentationen hat in diesen Dias der Alltag das Sagen, die Atmosphäre, der Zufall, der Zeitgeist - so, als blickte man durch ein beschlagenes Fenster direkt in diese Epoche.

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