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Frankfurter Premieren : Herr T. trifft Herrn K.

Der Mensch ist ein Brief, wer kann ihn lesen? Max Mayer als K. mit Katharina Bach Bild: Birgit Hupfeld

Hinter dem Irrsinn des Vorlagengebers Donald Trump muss Elfriede Jelineks Stück „Am Königsweg“ verblassen. Auch „Das Schloss“ hatte am Wochenende in Frankfurt Premiere.

          4 Min.

          Jemand musste Donald T. verleumdet haben, denn ohne dass er es etwas Sinnvolles getan hätte, wurde er eines morgens als Präsident vereidigt. Was seitdem geschieht, ist nicht zu fassen. Auch von Elfriede Jelinek nicht. Falk Richter inszenierte die Uraufführung ihres jüngsten Stücks mit dem Titel „Am Königsweg“ in Hamburg als hochtourig leerlaufende Rocky-Horror-Muppet-Show (F.A.Z. vom 1. November 2017), Philipp Preuss verschnitt das Stück in Mülheim mit Alfred Jarrys „König Ubu“, der Mutter aller Farcen über primitive Potentaten und hemmungslose Machthaber. Bei Jarry sorgte 1896 allein der vorausschauend verfremdete Ausruf „Merdre!“ für einen handfesten Bühnenskandal. Heute begreift die österreichische Nobelpreisträgerin den Mann, dessen Namen sie in ihrem Stück nicht nennt, als Galionsfigur einer globalen Krise, als Spitze eines Schreißbergs gewissermaßen, der am Schauspiel Frankfurt zunächst hinter einem schwülstigen Zuckerbäcker-Vorhang verborgen bleibt. Der Zuckerguss wird erst durchlöchert, dann nach und nach von Bühnenarbeitern abmontiert.

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

          Miloš Lolić, 1979 in Belgrad geboren, inszeniert „Am Königsweg“ als Kammerspiel – mit ruhiger Hand und viel Sinn für Ökonomie und Sprachwitz. Das Ensemble, Heidi Ecks, Sarah Grunert, Nils Kreutinger, Michael Schütz und Wolfgang Vogler, spielt ausgezeichnet. Aber je länger der knapp zweistündige, durchaus unterhaltsame Abend dauert (in Hamburg waren es dreieinhalb Stunden), desto deutlicher zeigt sich, dass die Realität ihre satirische Zuspitzung längst überholt hat. So ist der „Merdre“ von heute nicht beizukommen. Wohl nie zuvor haben Witz und Wut Elfriede Jelineks so schnell Mehltau angesetzt. Hinter seinen üppigen Wortkaskaden wirkt das Stück seltsam ausgemergelt, wie allzu früh vom Fleisch gefallen, so als würde Walter Benjamins Bemerkung, dass die Macht wütender Patriarchen von dem Leben zehrt, auf dem sie lastet, auch für Dramentexte Geltung haben.

          Vom Kopf auf die Füße

          Die Strafe, schreibt Benjamin 1931 in seinen Aufzeichnungen zu einem ungeschrieben gebliebenen Essay über Kafka, sei wichtiger als der Strafende. Aber worin besteht die Strafe, und was ist ihr Grund? Als sich am Abend nach der Jelinek-Premiere im Frankfurter Großen Haus der Vorhang hebt, ist statt der im Nebel liegenden Winterlandschaft, mit der Kafka sein Romanfragment „Das Schloss“ beginnen lässt, ein weiträumiger Kerker zu sehen. Die Wände sind schwarz, rechts steht eine Kloschüssel, auf der anderen Seite ragen zwei Wasserhähne aus der Wand. Ein einsame Glühbirne spendet ein wenig Licht. Im Halbdunkel hört man ihn Schnaufen, bevor man ihn sieht: Ein nackter, ungeheuer dicker Mann kommt mühsam auf die Beine, ein Fettmull mit winzigen Äuglein, eine groteske Erscheinung, vielleicht die Altspecklast eines untergegangenen Reiches, dessen letzter, längst vergessener Statthalter er war. Wortlos geht er von seiner Ecke zum Klo, setzt sich, schleppt sich zu den Wasserhähnen, dreht sie auf, prüft den Sand, der aus ihnen rieselt, schließt sie wieder, geht zurück. So dreht er seine Runden, macht immer wieder dieselben sinnlosen Verrichtungen, langsam, unaufhörlich. Sisyphos hat seinen Stein verschluckt, kann ihn aber nicht verdauen.

          Von der Realität überholt: Szene aus Elfriede Jelineks Stück „Am Königsweg“

          So vergehen die ersten Minuten, wortlos, eindringlich und ohne direkten Bezug zur Romanvorlage des Abends. Dann erscheint Max Mayer als Landvermesser K. und mit ihm Katharina Bach. Die Stimmung ändert sich, wird heiter, als ginge es in Kafkas Roman um ein Liebespaar, das einen Ausflug ins Grüne unternimmt. Auch ein Dritter ist dabei. Samuel Simon hat eine Botschaft bei sich, einen Brief vom Schloss. Aber so leicht rückt er ihn nicht heraus. Außerdem hat er gar keinen Brief, er selbst ist der Brief. Aber wie öffnet man einen Menschen, um die Botschaft zu lesen, die er überbringen soll? Simon klettert auf Mayer, der sich rücklings auf Katharina Bach legt, die unter ihm kniet, bis die drei bemerken, dass Simon falsch herumliegt und sie nun auf komplizierteste Weise seine Lage verändern, als müsste die Botschaft aus dem Schloss, auf die der Landvermesser so dringlich wartet, nur vom Kopf auf die Füße gestellt werden, damit sie lesbar wird.

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