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Frankfurter Premieren : Herr T. trifft Herrn K.

Borgmann beginnt spielerisch, und er hat mit Max Mayer einen Hauptdarsteller, der das Leichte, auch Leichtsinnige dieser Figur betont. Mayers K. ist ein herrischer Kindskopf, der herablassend näselt, hysterisch kiekst, Ticks und Marotten hat und sie hingebungsvoll pflegt. Etwas seltsam Infantiles umgibt dieses nervöse Hemd, für das, wie Isaak Dentler als Lehrer einmal bemerkt, die Ritalin-Vorräte der Dorfschule nicht ausreichten. Ritalin bei Kafka? Man wird dieser oft schräg schillernden, bildstarken, manchmal auch dumpf dröhnenden Inszenierung nicht gerecht, wenn man sie allein daran misst, wie eng sie sich an Kafkas Roman hält. Zur Pause gab es Buhrufe, danach blieben etliche Sitze leer. Wer gegangen war, hat verpasst, wie Borgmann in seiner Inszenierung Schicht auf Schicht legt, immer wieder Stimmung und Atmosphäre wechselt, wie nach der geradezu romantischen Vereinigungsszene zwischen K. und dem Schankmädchen Frieda, bei der die beiden nackt auf dem Boden Liegenden von dem plötzlich sehr agilen Fettmull umkreist werden, K. seiner Braut leichthin und kalt den Laufpass gibt. Ein Kindskopf, ja, impulsiv und aufbrausend, aber auch von kalter Berechnung in einem Mutwillen, der ohne Erklärung bleibt.

Mittlerweile hat Borgmann, der auch das Bühnenbild entworfen und zusammen mit Philipp Weber die Musik komponiert hat, die schwarzen Kerkerwände verschwinden lassen und den Bühnenraum erweitert. Ein Eisenbahngleis führt von einer zweiflügeligen Tür in der Bühnenmitte zur Rampe und unterteilt eine Sandfläche. Die Schauspieler haben, mit Ausnahme von Max Mayer, mehrfach die Rollen gewechselt. Issak Dentler gibt den giftigen Lehrer und den buckligen Wirt, Wolfgang Pregler den Vorsteher im Rollstuhl und Bürgler, die Amtsperson. Stefan Graf und Samuel Simon spielen die undurchsichtigen Gehilfen, als hätte Robert Walser sie erfunden: aparte, aber auch zur Renitenz fähige Knäblein, die sich aneinanderschmiegen wie junge Hunde. Sie vergehen sich an Frieda, K. lässt sie gewähren.

Borgmann arbeitet in Kafkas Parabel über eine gesichts- und gefühllose Macht, deren Absichten ebenso unklar bleiben wie ihre Legitimation, die allmächtig ist, weil ihr in den Angstprojektionen Allmacht zugeschrieben wird, die Mechanismen der emotionalen Manipulationen heraus. Nach unten wird eben nicht nur getreten, sondern auch begehrt. Die Frauenfiguren, bei Kafka immer ein heikles Thema, bekommen in dieser Inszenierung ein unerwartetes Gewicht: Neben der starken, sehr differenziert agierenden Katharina Bach gilt das vor allem für Katharina Knap, deren Monolog als zur Prostitution gezwungenes Schankmädchen schlicht grandios ist. Knaps Olga hüllt sich in eine kunstvolle Naivität wie in einen Mantel, der seine Trägerin nicht wärmt, aber ihr das Überleben ermöglicht.

Wenn am Ende des fast vierstündigen Heiko Raulin aus dem Fettanzug steigt, ausgiebig T. S. Eliot zitiert und Max Mayers K. in die Fettpelle hilft, wird ein wenig kraftlos ein endloser Reigen angedeutet. Aber wir sind nicht alle Landvermesser, auch wenn uns zur Beschreibung unserer Welt manchmal nichts anderes einfallen will als die Bezeichnung kafkaesk. Kein einfacher Abend. Kafkas Rätsel lassen sich nicht lösen. Daher hat man viel an ihnen zu kauen.

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