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Frankfurter Poetikvorlesung : Die Furcht verschwand, die Wut ist geblieben

Poesie und Prognose: Monika Rinck, die diesjährige Frankfurter Poetikdozentin Bild: dpa

Das Unvorstellbare vorstellbar machen: Monika Rinck fragt in ihrer Frankfurter Poetikvorlesung nach den Möglichkeiten der Poesie und ihrer Zukunft.

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          Man könnte von einem umgekehrten faustischen Prinzip sprechen, dem Monika Rinck in ihrer Frankfurter Poetikvorlesung gefolgt ist. Warum danach fragen, was die Welt im Innersten zusammenhält, wenn die Kräfte, die dafür sorgen, dass sie uns um die Ohren fliegt, doch schon seit geraumer Zeit offensichtlich sehr viel mächtiger sind? Aber ist „sorgen“ hier eigentlich das richtige Wort? In welche Bilder lassen sich diese mit Macht auseinanderstrebenden Kräfte und ihr Wirken fassen, welche Begriffe und literarischen Genres sind ihnen angemessen? Monika Rinck lotet diese Fragen aus, nicht unbedingt systematisch, aber gründlich. Man darf das Verb ausloten hier so verstehen, wie es ursprünglich gemeint war, nämlich als Bezeichnung eines sehr konkreten Vorgangs: Man lässt eine Sache von Gewicht (These, Theorie, Einfall, Gedicht) ins Wasser plumpsen, um herauszufinden, wie tief der Abgrund unter einem ist. Mit anderen Worten: Wenn wir stürzten, wie weit könnten wir kommen?

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

          Die Frage führt aufs Feld des „Neofuturismus“, also eines Futurismus, „der sich der Zukunft nicht mehr ganz sicher kann“ und deshalb seine Gangart gewechselt hat. Ihm gilt die zweite der drei Frankfurter Vorlesungen, die noch bis zum 31. Dezember auf der Website der Goethe-Universität zu sehen und zu hören sind. Es ist ein Futurismus, der es nicht mehr so eilig hat wie seine Urväter, die ihre Gegenwart nicht schnell genug im Rückspiegel röhrender Automobile verschwinden sehen konnten. Der Begriff der Avantgarde, der von jeher zu den futuristischen Bewegungen gehörte, fällt kein einziges Mal an den drei Abenden. Aber ein avantgardistischer Anspruch, nur halb versteckt, liegt beständig auf der Lauer.

          Zukunft, eine knapp gewordene Ressource?

          Das Lebensgefühl des „So kann es nicht weitergehen“, hervorgebracht von Waldbrand, Gletscherschmelze, Pandemie und vielem mehr, hat für Monika Rinck längst auch das Feld der Dichtung erreicht. Man blickt auf diesem Feld vielleicht öfter, genauer und auch weiter zurück als auf anderen Feldern, nicht nur bis zu Trakl oder Droste-Hülshoff, sondern bis zurück nach Delphi. Monika Rinck hat sich im ersten Teil ihrer Vorlesung mit dem Orakel des Apollon beschäftigt („Die Vorhersage erfolgt in Versen“), jetzt fragt sie nach der Zukunft der Verse: Wie kann die Poesie der Zukunft aussehen, wenn die Zukunft schon begonnen hat und wir nicht wissen, wie viel von dieser Zukunft uns überhaupt noch bevorsteht? Wenn Zukunft als knapp werdende Ressource zu betrachten ist, so Monika Rincks implizite Schlussfolgerung, dann müssen wir uns ihr mit anderen Kriterien als den bisherigen zuwenden. Also lautet das Thema der zweiten Vorlesung: „Neofuturismus, zwischen Nachhaltigkeit und Vergeudung“.

          Lassen sich diese Begriffe auf Sprache und Poesie überhaupt anwenden? Können wir Sprache vergeuden? Wo bleiben die Worte, die wir uns sparen, was passiert mit ihnen? Monika Rinck geht von Begriffen aus, um sie auf ungewohnten Bedeutungsfeldern auszusetzen. Das führt zu überraschenden Ergebnissen, die mitunter sogar zynisch klingen können. Denn unter dem Gesichtspunkt der Nachhaltigkeit betrachtet, müsste die Kunstproduktion viel stärker unter dem Aspekt der Wiederverwertbarkeit betrieben werden. Das Motto der poesiepolitischen Energiewende formuliert Monika Rinck so: „Der Welt nichts Neues aus den Rippen leiern“.

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