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Juden in Deutschland : Lieber Basecap als Kippa

„Keine akute Besorgnis“: Ein Teilnehmer bei einer Kundgebung gegen Antisemitismus vor dem Brandenburger Tor. Bild: dpa

Bloß nicht aufhetzen lassen: Innenminister Thomas de Maizière und Salomon Korn, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde, diskutieren in Frankfurt – mit wohltuend ausgleichender Vernunft.

          3 Min.

          Ist eine der zahlreichen Auswirkungen der Flüchtlingswelle der unvermeidliche Import von Antisemitismus? Wie konkret sind die Auswirkungen auf den Alltag der deutschen Juden jetzt schon? Die Frage, wie sicher Juden in Deutschland und Europa derzeit und künftig leben können, stand im Mittelpunkt einer Frankfurter Podiumsdiskussion mit zwei prominenten Diskutanten; wie ernst sie genommen wird, bewies der Zustrom. Eingeladen hatte die Gesellschaft der Freunde und Förderer des Jüdischen Museums, und zwar unter dem Eindruck des Überfalls auf den koscheren Supermarkt „Hyper Cacher“ in Paris vor einem Jahr. Mehr als fünfhundert Zuhörer verfolgten die Ausführungen des von der Journalistin Ester Schapira moderierten Gesprächs zwischen Bundesinnenminister Thomas de Maizière und dem Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde Frankfurt, Salomon Korn.

          Hannes Hintermeier

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

          Man wollte gesicherte Erkenntnisse hören, aber so einfach ist das derzeit nicht. Zunächst wurden die Dimensionen angesprochen. Mit einem Anteil von 0,2 Prozent an der Weltbevölkerung sähen sich die über die Welt verstreut lebenden 13,3 Millionen Juden einer Milliarde von Antisemiten gegenüber, so Schapira. Aber trotz der Flüchtlingswelle sei die Lage in Deutschland, in Frankfurt, noch ruhig. Es sei ihm „keine unmittelbare Besorgnis“ von Gemeindemitgliedern bekannt, sagte Salomon Korn. Was sich ändern könnte, sei das Gefühl der Bedrohung, die von den Zuwanderern ausgehe. Er wisse von jungen Gemeindemitgliedern, die lieber eine Baseballmütze statt der Kippa trügen, um nicht aufzufallen.

          Die Dreistigkeit der schweigenden Mitte

          Zwanzig Prozent der Deutschen gelten als antisemitisch eingestellt. Mindestens ebenso schwer wiegt deswegen für Korn – ein schiefes Bild bemühend –, „dass die schweigende Mitte der Gesellschaft dreister wird“, weil „sie bereit ist, ihre Meinung zu äußern“. An den Polizeischutz für jüdische Einrichtungen hätten sich alle gewöhnt, meinte Korn und erntete Widerworte des Innenministers, der sich daran nicht gewöhnen will. Allerdings gebe es in der neuen Polizeistatistik sogar Anzeichen, dass die Zahl der sogenannten Propagandadelikte zurückgehe. „Der Kern der Sorge ist die Fremdenfeindlichkeit, die in einen Teil der Gesellschaft kriecht“, so de Maizière.

          Ein Abstecher zur Lage in Frankreich, das im vergangenen Jahr achttausend Juden in Richtung Israel verlassen hätten, führte in die Kolonialgeschichte und damit auch zur zeitgenössischen Propaganda gegen Juden in muslimischen Ländern, deren Aggressivität Korn auf die gleiche Stufe wie die nationalsozialistische Judenhetze stellte. Die Frage nach der Durchschlagskraft des islamistischen Terrors relativierte der Innenminister unter Verweis auf den Umstand, dass die meisten Opfer dieser Anschläge Muslime sind. Der Lebensstil des Westens insgesamt solle getroffen werden, da spielten Juden „eine untergeordnete Rolle“.

          Christen sollen Selbstbewusstsein zeigen

          De Maizière war es um Differenzierung zu tun: Der Eindruck, mit den Flüchtlingen sei eine Million radikaler Antisemiten ins Land gekommen, sei falsch. Ihm bereiteten vielmehr die Umtriebe des Wahabismus und Salafismus Sorge. Soziale, kulturelle oder religiöse Begründungen für Straftaten lehnt er kategorisch ab.

          Vielen Deutschen steht der Sinn heute nicht mehr nach Religion. Ganz anders die Lage in den Herkunftsländern der Flüchtlinge: „Wir haben die Bedeutung der Religion total unterschätzt“, so de Maizière. Der aktive protestantische Christ rät dringend dazu, mehr Selbstbewusstsein an den Tag zu legen, „weil ein Muslim einen Christen mehr respektieren wird als einen, der nichts glaubt“. An die nicht ausgesprochene Adresse der Vertreter politischer Korrektheit richtete er eine Anekdote aus dem Saarland: Dort hätten Muslime noch nie die Abschaffung von St.-Martins-Umzügen gefordert, wohl aber besorgte Bürger – mit der Begründung, ein solcher Umzug könne Muslime provozieren.

          Mehr Vernunft als Panikmache

          Leitkultur hat neuerdings wieder einen besseren Ruf, und de Maizière ist sehr dafür, diese auch beispielhaft vorzuleben. Als Optimist setze er dabei auf die starke Integrationsbotschaft Deutschlands; Korn hielt dagegen, der Islam tue sich schwer damit, Zweifel und starke Persönlichkeiten auszuhalten. Einig waren sich die Diskutanten am Ende in dem Punkt, dass die Integration der Flüchtlinge zwei Generationen dauern werde.

          Die Moderatorin bemühte sich insgesamt nach Kräften, Besorgnis herbeizureden, aber die Methode verfing nicht: Beide Diskutanten blieben sachlich und differenziert, de Maizière aus den Faktenbergen seiner täglichen Arbeit schöpfend, Korn eher Stimmung und Geschichtsempfinden bemühend, dabei durchaus schon im Zustand des Selbstzitats angelangt („Wie ich einmal gesagt habe“). Die unausweichliche Frage der Moderatorin, ob die Bundeskanzlerin mit ihrem „Wir schaffen das“-Mantra für die Mehrheit der Deutschen spreche, beantwortete Thomas de Maizière nach kurzer Nachdenkpause so: „Ich hoffe, ich bin mir nicht ganz sicher, und umso mehr müssen wir kämpferisch dafür eintreten.“

          Ein Abend, der entschieden der Vernunft den Vorrang vor Stimmungs- und Panikmache gab. In diesen überreizten Tagen wohltuend.

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