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Frankfurter Literaturstreit : Er will doch nur der Platzhirsch sein

Liest ultimative Briefe vor: Hauke Hückstädt, Leiter des Frankfurter Literaturhauses Bild: Helmut Fricke

Kann eine Stadt zu viel für die Literatur tun? Sie kann, behauptet der Leiter des Frankfurter Literaturhauses. In einem offenen Brief wirft er dem Kulturamt Amtsmissbrauch vor. Die Szene kocht.

          5 Min.

          Ein Riss geht durch die Literaturstadt Frankfurt, der sich zum Krater zu weiten droht. Hauke Hückstädt, Leiter des Literaturhauses, hat sich am Dienstag in der Rhein-Main-Ausgabe dieser Zeitung mit einem sehr langen offenen Brief gegen die städtischen Kulturverwalter gewendet. Hückstädt attackierte neben seiner Vorgängerin Maria Gazzetti, deren Erbe er 2010 angetreten hat, vor allem die Literaturreferentin Sonja Vandenrath, ohne sie namentlich zu nennen.

          Hannes Hintermeier

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

          Dem Literaturreferat wirft er einen starken Eingriff in die Arbeit der literarischen Institutionen sowie Wettbewerbsverzerrung vor, weil es sich als Veranstalter in Konkurrenz zu den literarischen Einrichtungen wie Literaturhaus, Romanfabrik oder Hessisches Literaturforum begebe. Der Verfasser beschuldigt die Namenlose, Druck auf Verlage auszuüben, Neuerscheinungen nicht im Literaturhaus, sondern bei einem vom Literaturreferat veranstalteten Abend zu präsentieren. Zudem versuche das Referat, dem Literaturhaus und anderen Institutionen Förderer abspenstig zu machen.

          Starker Tobak und ein sprachlich hochfahrendes Musterbeispiel der Nichtdiplomatie – der Vorstand des Vereins, der das Literaturhaus betreibt, war gar nicht erst eingeweiht. Reaktionen blieben nicht aus. Gazzetti, mittlerweile Leiterin der Casa di Goethe in Rom, verwahrte sich gegen „diese unverschämten und unsachlichen Behauptungen“. An die Adresse von Hückstädt und an den Vereinsvorstand schreibt sie: „Es tut mir leid, dass Sie Ihre Vorgängerin schlechtmachen müssen, um sich ins rechte Licht zu setzen.“

          Die Verlesung im Kulturamt

          Vandenraths Vorgesetzter, der Frankfurter Kulturdezernent Felix Semmelroth, reagierte defensiver. Eine „Neiddebatte“ führe nicht weiter, es sei in Frankfurt „gute Tradition, dass das Kulturamt eigene Veranstaltungen entwickelt und durchführt“. Semmelroth verweist etwa auf das Festival Literatur im Römer. 310000 Euro überweist die Stadt jährlich an den Literaturhaus-Verein. Zum Vergleich: Das noch größere Münchner Literaturhaus erhält 380000 Euro jährlich von der Stadt. Dass die Kulturamtsleiterin Caroline Rohman im Vorstand des Vereins Literaturhaus sitzt, ist keineswegs, wie Hückstädt es empfindet, „eine seltsame Konstruktion“, sondern eine gängige – der Geldgeber will im Bilde sein.

          Sonderstellung in einer Bücherstadt? Das Literaturhaus in Frankfurt

          Ungewöhnlich ist nicht nur der Zeitpunkt – warum erst nach fünf Jahren? –, ungewöhnlich ist vor allem die Vorgehensweise: Hückstädt habe vor gut zwei Wochen bei einem Termin den nun als offenen Brief veröffentlichten Text verlesen, auch Vandenrath und die Amtsleiterin seien dabeigewesen. Der Literaturhaus-Chef habe explizit nicht um mehr Geld nachgefragt. Wohl aber hat er, wie Hückstädt im Gespräch mit dieser Zeitung ausführt, darum gebeten, in absehbarer Zeit „ein verlässliches Signal“, die Zukunft der städtischen Literaturarbeit betreffend, von Semmelroth zu bekommen. Sollte dieses ausbleiben, werde er mit dem Text an die Öffentlichkeit gehen. Und so geschah es. Denn Semmelroth dachte nicht daran, auf ein Ultimatum einzugehen. „Den Versuch einer Erpressung finde ich befremdlich.“ Alles, was Vandenrath entwickelt hat, habe sie in ausdrücklicher Abstimmung mit ihm unternommen.

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