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Frankfurter Literaturstreit : Er will doch nur der Platzhirsch sein

Dabei ist Hückstädt selbst wenig zimperlich, wenn es um die Verteidigung seiner Position geht. So nehmen ihm Autoren, Verlage und Veranstalter übel, dass er sich damit hervorgetan hat, Bedingungen zu diktieren – etwa, indem er eine Auftrittssperre vertraglich festschrieb: Autoren, die im Literaturhaus auftreten, sollten dies exklusiv tun, weitere Auftritte in Frankfurt sind für die Dauer von mindestens drei, manchmal auch mehr Monaten demnach zu unterlassen.

Lothar Ruske, größter privater Literaturveranstalter der Stadt (Frankfurt liest ein Buch, Literaturlounge im Haus am Dom, Literaturbahnhof), bestätigt diese Vorgehensweise. Der Lyriker Matthias Göritz sagte ihm einen Auftritt im Literaturbahnhof während der Buchmesse 2014 kurzfristig mit der Begründung ab, er habe leider einen entsprechenden Vertrag mit dem Literaturhaus unterschieben. Ruske: „Ich war richtig geladen.“

Endlich Klarheit

Andererseits kann man nachvollziehen, dass Hückstädt die Reihe „Frankfurter Premieren“ in der Historischen Villa Metzler mit Lesungen von Autoren wie John Burnside, Nino Haratischwili, Andreas Maier oder Alissa Walser als Angriff auf sein Kerngeschäft wertet. Aus Sonja Vandenraths Sicht ergänzen sich indes „gerade in einer Buchstadt wie Frankfurt ein blühendes Literaturhaus und ein programmatisch arbeitendes Literaturreferat auf das beste“. Sie sei „insofern irritiert von diesem Schritt in die Öffentlichkeit, als Hauke Hückstädt und ich in einem steten Dialog stehen und wir bei Projekten wie etwa Open Books und den Frankfurter Lyriktagen in kollegialer Solidarität, ja, mehr noch, mit gemeinsamer Freude an den Resultaten zusammenarbeiten.“ Alles nur ein Missverständnis?

Kulturdezernent Felix Semmelroth
Kulturdezernent Felix Semmelroth : Bild: Felix Schmitt

Sicher nicht. Denn für Hückstädt ist die Sache klar: „Die Stadt kann nicht der größte Player sein.“ Er wünscht sich endlich Klarheit, „verlässliche Signale“ von der Stadt, um die „jahrelange Stagnation und Perspektivlosigkeit“ zu überwinden. Er wolle „Visionen“ von Felix Semmelroth, er wolle wissen, „wo das Literaturhaus in fünf, zehn und fünfzehn Jahren steht“. Ob er mit der Art seiner einsamen Kampfansage vielleicht danebenliegt? „Ich stehe für meine Arbeit ein, das ist es, was uns die Literatur lehrt.“ Er gehe diesen Weg „allein“.

Es ist viel Porzellan zerschlagen worden in dieser Woche in Frankfurt. Fünf Jahre nach dem Ende der Amtszeit Maria Gazzettis liegt schon wieder ein Scherbenhaufen vor dem Literaturhaus. Einstweilen hat sich mitten in der Phase des Wundenleckens der Vorstand des Vereins zu Hückstädt bekannt. Joachim Unseld, sonst nicht um ein deutliches Wort verlegen, beschränkte sich auf die knappe Aussage, der Verein finde Hückstädts „Anliegen verständlich. Wir stellen uns dem Wettbewerb um Drittmittel mit den anderen Anbietern – aber wir verstehen uns als der maßgebliche Anbieter von Literaturveranstaltungen in Frankfurt. Dieses Selbstbewusstsein hat der Verein. Wir stehen hinter dem Leiter des Literaturhauses.“ Offenkundig nicht vor ihm.

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