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Frankfurter Kultur : Obwohl es Nordhoff gibt

  • -Aktualisiert am

Wie es gelingt, Sponsoren für die Kultur in Zeiten knapper Kassen zu gewinnen? Mit einem freundlichen Gesicht. So leuchtet Frankfurts Kultur wieder - nur das Kulturdezernat nicht.

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          Die Stadt am Main, die so gerne als amerikanischer Klon verspottet oder als einzige moderne Metropole Deutschlands bewundert wird, auf jeden Fall aber polarisiert, gibt wieder Rätsel auf. Einst als Kommune mit dem höchsten Kulturetat ausgestattet, dann als größter Bankrotteur der Republik ausgemacht, scheint Frankfurt langsam wieder etwas zu gelten, wenn von Kunst die Rede ist. Und das in Zeiten, die immer noch von hysterischem Sparzwang geprägt sind. Wer das Mysterium dieser Resurrektion lüften möchte, muß sich, wie stets, an die Menschen halten, die Schlüssel in Türen stecken, um sie zu öffnen oder zu schließen.

          Zum Beispiel bei den Städtischen Bühnen. Da gibt es neuerdings einen ausgewiesenen Fachmann für bis dahin hartnäckig klemmende Schließfächer. Bernd Loebe hat es als Intendant in kürzester Zeit geschafft, das Musiktheater der Stadt wieder jenem Niveau anzugleichen, das manche hier nur mit der Gielen-Ära verklärend in Verbindung bringen möchten. Weil er unter anderem in Brüssel gelernt hat, worauf es ankommt: auf das Gespür für die richtigen Sänger und auf Regisseure, die vor den pfiffigen Einfall die schwierige Lektüre der Partitur setzen. Das Etikett "Opernhaus des Jahres" trägt die städtische Institution jedenfalls mit Stolz und nicht zu Unrecht.

          Erfolgsgeschichten

          Oder das Konzert- und Kongreßhaus Alte Oper. Als Michael Hocks vor einigen Jahren als Intendant im Gespräch war, spottete die damalige Kulturdezernentin Linda Reisch über den ihr nicht genehmen Kandidaten, sie wisse von ihm nur, daß er ein Champagnerglas perfekt halten könne. Mittlerweile dürfte nicht nur sie wissen, daß Hocks zum Glücksfall für die Alte Oper geworden ist, und dies nicht nur, weil er weiß, wie man ein Champagnerglas balanciert. Denn durch sein Geschick in der Programmgestaltung und im manierlichen Umgang mit Sponsoren, aber eben auch mit seinem Gespür für das, was einen Konzertbesuch erst abrundet - die entsprechende Eßkultur nämlich -, ist der Opernplatz wieder zu einem Mittelpunkt des städtischen Lebens geworden.

          Ähnliche Erfolgsgeschichten lassen sich vom Deutschen Architekturmuseum unter seiner Direktorin Ingeborg Flagge vermelden, etwa durch spektakuläre Präsentationen von Thomas Herzog und Oscar Niemeyer, aber auch durch ausdrücklich stadtbezogene Ausstellungen und Vortragsreihen. Selbst der breiten Öffentlichkeit dürfte außerdem klargeworden sein, daß sich die Städteplaner bei Bebauung von West- wie Osthafen unübersehbare Meriten erworben haben. Was für die Alte Oper und den Platz davor gilt, trifft ebenso für Römerplatz und Schirn zu, die sich, seit Max Hollein dort tätig ist, eines großen Besucherstroms erfreuen kann. So manches ließe sich noch erwähnen, der Mousonturm in der Regie von Dieter Buroch, das Museum für Moderne Kunst von Udo Kittelmann oder auch einzelne Aktionen wie die Präsentation der Holbein-Madonna im Städel.

          Initiative scheint ein Fremdwort

          Nun könnten Außenstehende den voreiligen Schluß daraus ziehen, Frankfurt müsse wohl einen Kulturdezernenten von außergewöhnlichem Format besitzen, der wie weiland Hilmar Hoffmann, nur in ökonomisch schwierigeren Zeiten, mit tatkräftigen Visionen und phantasievollen Aktionen Kultur nicht nur denkt, sondern machen läßt. Das Gegenteil ist der Fall. Was sich, wie geschildert, in Frankfurt kulturell ereignet, geschieht nicht, weil es Hans-Bernhard Nordhoff gibt, sondern obwohl es ihn gibt. Nicht einer der angesprochenen personellen Glücksfälle als Direktoren wichtiger städtischer Institutionen - Loebe, Hocks, Hollein, Kittelmann - kam durch seine Initiative oder der seiner ihm unterstehenden Behörde zustande.

          Initiative scheint für Nordhoff überhaupt ein Fremdwort zu sein, der in allen wichtigen kulturellen Fragen der vergangenen Jahre durch Passivität, mangelnde Unterstützung und demonstratives Desinteresse aufgefallen ist, so etwa in den Vorbereitungen für das sogenannte Adorno-Jahr der Stadt, bei der Planung zur Kulturmeile Braubachstraße, der Belebung des Otto-Hahn-Preises, den Abwerbungsversuchen anderer Städte für die traditionsreiche Frankfurter Buchmesse oder dem beschämenden Vertragspoker um William Forsythe.

          Unseliges Postengeschacher

          Hilmar Hoffmann, gefragt, wie es ihm gelinge, Sponsoren für die Kultur in den Zeiten knapper kommunaler Einnahmen zu gewinnen, sagte sozusagen als erstes Gebot eines Kulturdezernenten seinerzeit: "Mit einem freundlichen Gesicht." Das ist beinahe die ganze Wahrheit. Denn nur, wer in der Gesellschaft präsent ist, wer Sachverstand zum richtigen Zeitpunkt an der richtigen Stelle aufbietet, kann etwas für die Kultur tun. Und als zweites Gebot nannte Hoffmann hinzu, nur dann könne man als erster Kulturförderer erfolgreich sein, wenn man ein gutes Verhältnis zum Oberbürgermeister und zum Stadtkämmerer unterhalte.

          An all dem aber mangelt es Nordhoff gründlich. Daß man ihn trotzdem bei der anstehenden Wahl zum Kulturdezernenten wieder vorschlagen möchte, ist nur durch das unselige Postengeschacher in der Vierparteienkoalition im Frankfurter Stadtparlament zu erklären. Nordhoffs Wahl wäre eine Katastrophe. Dann lieber keinen Kulturdezernenten. Daß man ihn nicht unbedingt benötigt, ist die einzige Erkenntnis, die Hans-Bernhard Nordhoff zu danken ist.

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