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Folgen neuer Corona-Regelungen : Bühnen in Not

Vorübergehend geschlossen: das Schauspiel Frankfurt Bild: Frank Röth

Hilferufe aus der Kultur: Der Frankfurter Opernintendant sieht sein Haus in Gefahr und schreibt einen Brandbrief an den hessischen Ministerpräsidenten, sein Schauspiel-Kollege schließt für fünf Tage.

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          Für manche könnte der Lockdown auch kommen, wenn der Lockdown nicht kommt. Denn jede Verschärfung der Maßnahmen zum Schutz der Gesellschaft vor der Pandemie und ihren Folgen hat unerwünschte, zum Teil verheerende Nebenwirkungen. Ob sie in Kauf zu nehmen sind, mag von Fall zu Fall umstritten sein. Dass derartige Kollateralschäden von angemessenen oder sogar längst überfälligen Schutzmaßnahmen jedoch offen benannt werden müssen, sollte gerade jenen einleuchten, die jetzt zu Recht dafür eintreten, die verbliebenen Impfskeptiker mit noch mehr Aufklärung zu überzeugen.

          Sehen wir uns also ein paar Zahlen aus dem Kulturbetrieb an: Sechstausend Abonnenten hat die Oper Frankfurt beim letzten Lockdown verloren. Das benachbarte Schauspiel beklagt einen Rückgang der Abonnements um etwas mehr als ein Fünftel. Da droht etwas wegzubrechen, was über Jahre und Jahrzehnte gewachsen ist. Opernintendant Bernd Loebe wirft in einem Brandbrief an den hessischen Ministerpräsidenten Bouffier die Frage auf, ob die Oper sich davon jemals wieder erholen wird, sieht ein ganzes System öffentlicher Kultureinrichtungen gefährdet und fordert deshalb, auch künftig zwischen Freizeiteinrichtungen und Kulturinstitutionen zu unterscheiden und die differenzierten Hygienekonzepte vieler Bühnen nicht gering zu schätzen.

          Zwei Signalraketen unterschiedlicher Art

          Sein Kollege Anselm Weber legt zum selben Zeitpunkt bereits eine Vollbremsung hin. Angesichts der neuen Vorschriften, die am Sonntag an seinem Haus in Kraft treten werden, hat der Frankfurter Intendant jetzt eine kurzfristige Schließung des Schauspiels angekündigt: Vom 5. bis 9. Dezember werden alle Vorstellungen ausfallen. Bislang galt im Frankfurter Theater die 2-G-Regel bei voller Besetzung des Zuschauerraums. Von Sonntag an greift zusätzlich die Schachbrett-Regelung, die freie Plätze zwischen den Zuschauern verlangt. Damit reduziert sich die zulässige Zuschauerzahl auf maximal 326 im Großen Haus und 71 Zuschauer in den Kammerspielen. Weil aber für die nächsten Vorstellungen erheblich mehr Karten verkauft worden sind, steht das Haus vor einem organisatorischen Dilemma mit einer nicht unbedeutenden moralischen Komponente: Wie will man etwa entscheiden, welche Kinder die bereits ausverkauften Vorstellungen von „Wickie und die starken Männer“ sehen dürfen und welche nicht?

          Auch Gesundheitsämter kennen dafür keine Kriterien. Also schließt man für eine Woche ganz, sucht nach Lösungen, wartet ab, was noch passieren wird, und wappnet sich, so gut es eben geht. Der eine Intendant schreibt dem Ministerpräsidenten einen Brief, der andere macht seinen Laden vorübergehend dicht: zwei Signalraketen unterschiedlicher Art, abgefeuert aus derselben Not. Unterdessen meldet das Staatsschauspiel Dresden seine Schließung bis zum 9. Januar.

          Hubert Spiegel
          Redakteur im Feuilleton.

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