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Frankfurter Buchmesse : Kunst ist eben doch keine Demokratie

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Der Autor ist selbst gefragt, wenn es um die Vermarktung geht. Dazu gehört das Autorenporträt. Eine Fotografin empfiehlt beim Tischgespräch, sich an den Fotos der klassischen Verlage zu orientieren. Die Autoren lächelten darauf nicht. Stattdessen wirkten sie irgendwie geheimnisvoll. „Der Autor ist doch immer auch ein Geheimnisträger“, sagt sie.

Eine literarische Betaphase?

Ein Stockwerk weiter oben diskutieren Vertreter von Verlagen das digitale Publizieren. „Ich sage nicht, dass es den anspruchsvollen Autor im Selfpublishing nicht gibt, aber wir haben noch keinen gefunden“, sagt Jörg Meier, Digitalchef bei S. Fischer. Michael Doeschner-Apostolidis von Droemer Knaur fällt ein einziges Gegenbeispiel ein: Michael Wäser, der für seinen Roman keinen Verlag fand, obwohl er vom Deutschen Literaturfonds gefördert wurde, und ihn deshalb bei Neobooks, der Plattform von Droemer Knaur, veröffentlichte.

Zurück bei den Selfpublishern, spricht Annika Bühnemann über ihre Fortschritte als Romantik-Autorin: „Schreiben kann man lernen, dafür gibt es ja das Internet. Leute mit weniger Talent müssen mehr arbeiten, bekommen aber am Ende dasselbe Ergebnis.“ Eine freie Lektorin betreut vor allem Selfpublisher: „Meine Aufgabe ist, die Autoren davor zu bewahren, dass sie sich blamieren.“ Leider können sich viele das Lektorat nicht leisten. Testleser aus dem Bekanntenkreis müssen reichen. Der Leiter von Neobooks betont, schlechte Texte würden durch Leserbewertungen reguliert: „Selfpublisher sind Optimierer.“ Eine von ihnen, Emma Wagner, rät, die Leser in die Entstehung des Buches einzubeziehen, sie bei Facebook über die Namen der Figuren abstimmen zu lassen. „Der Leser macht das Buch so zu seiner persönlichen Angelegenheit und wird den Autor später vollends unterstützen.“

Der Schriftsteller Clemens Setz, Suhrkamp-Autor, spricht derweil über das Social-Reading-Projekt zu seinem Roman „Die Stunde zwischen Frau und Gitarre“. Solche Plattformen, auf denen Leser Bücher online kommentieren können, blieben in einer technischen Betaphase, heißt es. Ob es durch Leserkommentare auch eine literarische Betaphase geben könne? Setz wehrt ab: „Ständige Rückmeldungen sind auch toxisch. Autoren müssen einfach mal machen dürfen, im Geheimen.“ Und: „Kunst ist keine Demokratie.“ Die Diskussion findet im Orbanism-Space statt. Der Bereich, in dem sich die Vertreter der „digitalen Content-Wirtschaft“ treffen, ist von weißen Vorhängen eingegrenzt. Hier bildet man Sitzkreise und ist gerne unter sich. Außenstehenden erschließt sich das nicht immer.

Der Hobby-Autor Michael Reisinger ist in der Baustoffbranche tätig und kennt den Buchbetrieb nur von Messebesuchen. Im Gegensatz zu den Materialien, mit denen er arbeite, handele es sich bei Büchern um Produkte mit emotionaler Bedeutung, das schlage sich schnell in den Diskussionen nieder. Der „Krieg“ zwischen Selfpublishern und traditionellen Verlagen erinnert ihn an einen „Kindergeburtstag, auf dem sich um Süßigkeiten gestritten wird“. Er sieht es entspannt: „Es gibt einfach Autoren, für die macht Selfpublishing Sinn, und andere, für die macht die Verlagsveröffentlichung mehr Sinn.“

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