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Frankfurter Buchmesse : Sollten wir dieses Jahr einfach abhaken?

Kann der Bildschirm da mit? Blick über eine Halle der Frankfurter Buchmesse im Oktober 2019 Bild: dpa

Wenn im Oktober die Buchmesse beginnt, wird alles anders sein. Kanada ist nur virtuell Gastland - dafür im nächsten Jahr dann physisch. Fragt sich, was überhaupt noch von der Messe bleibt.

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          Unter den Dingen, die von diesem sehr seltsamen Jahr in Erinnerung bleiben werden, ist auch das Wort „physisch“. Gebraucht wird es derzeit, um etwas als besonders zu markieren, das noch vor kurzem selbstverständlich war. So wird, teilt die Buchmesse Frankfurt mit, „der für 2020 geplante physische Ehrengastauftritt Kanadas“ auf das Folgejahr verschoben. Was es da noch zu verschieben gab, ist unklar, von Gastlandpavillon und „physischen“ Autorenlesungen im großen Stil war sowieso nicht mehr die Rede, und die aus den kanadischen Sprachen übersetzten Titel in den großen deutschen Konzernverlagen werden an deren Messeständen nicht präsent sein, weil die Verlage keine Stände buchen wollen.

          Und während man sich noch fragt, ob nicht die Restphysis der zunehmend blutarm erscheinenden Messe ebenfalls ins Folgejahr verschoben werden sollte, inklusive der physischen Bücher dieses Herbstes, so dass die für Herbst 2021 vorgesehenen Titel wiederum ein Jahr später erscheinen könnten und so weiter, zieht die Buchmesse für die Gastland-Auftritte der kommenden Jahre – Spanien, Slowenien, Italien – genau diese Karte: Alles wie geplant, nur ein Jahr später. Der Wunsch sei übrigens vom Komitee des kanadischen Ehrengastauftritts ausgegangen, die Messe habe dem entsprochen, die Gastlandkomitees von Spanien, Slowenien und Italien sollen ebenfalls zugestimmt haben.

          Die digitale Rettung naht

          Sie reagierten aber unterschiedlich: Spanien ist „fest davon überzeugt, dass diese Regelung unserem Auftritt 2022 zu noch mehr Erfolg verhelfen wird“, die beiden anderen gaben zu erkennen, dass die Umstellung nicht ganz einfach sei, man sich aber dem Gedanken der Solidarität verpflichtet fühle. Die Vorteile für Kanada, das nun trotz Corona im nächsten Jahr noch auf einen Auftritt in schönster Physis rechnen darf, liegen auf der Hand, und das gilt auch für die Besucher der Messe von 2021, die sich schon in diesem Jahr auf Kanada gefreut hatten und nun nicht leer ausgehen. Aber sonst?

          Darauf, dass die eigens für den Auftritt übersetzten und nun erscheinenden oder bereits erschienenen kanadischen Titel auch im nächsten Jahr wahrgenommen werden, mag man hoffen. Aber was ist in diesem Jahr mit dem Gastland? Keine Sorge, heißt es aus der Braubachstraße, wo die Frankfurter Buchmesse residiert, es gebe ja noch die „digitale Frankfurter Buchmesse 2020“, und für diese sei „eine starke virtuelle Präsenz“ von kanadischen Autoren und Verlegern vorgesehen.

          Was das genau bedeutet, diese digitale Messe, wüssten viele Verlage gern, schon um den eigenen Auftritt darauf abzustimmen. Dass es mit gestreamten Lesungen nicht getan ist, dürfte keiner bestreiten. So wie es aussieht, haben wir nur die Alternative, nach so vielen Monaten im Home-Office auch noch die Buchmesse vor dem Bildschirm zu verbringen. Oder durch womöglich öde Hallen zu laufen, Abstand zu halten und uns zu fragen, wann das alles eigentlich wieder normal wird.

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

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