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Frankfurter Buchmesse 2004 : Ein starker Rücken kennt keinen Schmerz

  • -Aktualisiert am

Bleibt Deutschlands populärster Dichter: Günter Grass Bild: dpa/dpaweb

Kaum eine politische oder theoretische Debatte, nur ansatzweise künstlicher Hype - und selbst Elfriede Jelinek scheint konsensfähig: Die Frankfurter Buchmesse 2004 war die ruhigste seit langem. Eine Bilanz.

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          Nachts, wenn Autoren und Verleger, Agenten und Journalisten, Lektoren und Übersetzer sich an Hotelbars und auf Empfängen tummeln, wäre eigentlich die beste Zeit, um die Buchmesse zu besuchen. Eingesperrt mit all den Büchern, ließen sich fernab von Jubel, Trubel, Heiserkeit Entdeckungen machen, für die im Gedränge wenig Zeit und Platz bleibt.

          Man könnte Josephines herrlichen "Jardin de la Malmaison" in der Auslage von Prestel bewundern, würde sich bei Manesse eine Weile in die Neuübersetzung von Fieldings "Tom Jones" vertiefen und, nach konzentrierter Schillerlektüre bei Insel und Hanser, im Morgengrauen die von Dietrich Grönemeyer empfohlenen Übungen für eine bessere Haltung machen ("Mein Rückenbuch" bei Zabert Sandmann).

          Noch weniger Zweitbücher

          So ließen sich sinnliche, haptische Eindrücke gewinnen, wie Google Print sie niemals vermitteln wird: Mit der neuen, auf der Messe vorgestellten Internet-Suchmaschine werden sich demnächst Bücher nicht nur nach Schlagworten, sondern auch nach Inhalten durchforsten lassen. Amerikanische Häuser wie Penguin, Warner Books, Scholastic und Houghton Mifflin haben ihre Teilnahme bereits zugesagt, während Peter Olson von Random House seine Bücher erst scannen lassen will, wenn die Urheberrechtsfrage geklärt ist. Der Trend zur Anschaffung eines Zweitbuchs dürfte mit Google Print in vielen Haushalten dennoch weiter zurückgehen.

          Das meiste, was man von dieser Buchmesse mitnimmt, ist erhascht, sind Ereignisse und Eindrücke von Augenblicken, Beobachtungen unter Menschen, die sich unbeobachtet fühlen. Da hastete einer am Stand eines großen Publikumsverlags vorbei, den Blick navigierend zu Boden gerichtet, das Handy fast panisch ans Ohr gedrückt: ein wichtiges Gespräch oder doch eher ein Vorwand, um nicht angesprochen zu werden?

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          Frankfurter Buchmesse 2004 : Ein starker Rücken kennt keinen Schmerz

          Wer sich umsah, dem bot sich ein Schauspiel gespielter oder echter Wiedersehensfreude, mühsam gezügelter Ungeduld auf den Rolltreppen oder der dauernden Verzweiflung über das lückenhafte Namensgedächtnis. Eigentlich sind schon vor dieser Messe alle müde gewesen, die Buchmacher, die Buchleser, das ganze Land. Wo früher politische und theoretische Debatten die Messe bestimmten, pilgern heute auch die - gewohnt zahlreich angereisten - Politiker inzwischen lieber zu Dietrich Grönemeyer: Bevor einzelne Rückgrat zeigen können, muß wohl ganz Deutschland der Rücken gestärkt werden.

          Spannung im Vorfeld

          Dabei hatte es so ausgesehen, als ob dies eine besonders spannende Messe werden würde, mit der arabischen Welt als Gastland, der weiterhin prekären wirtschaftlichen Situation der Branche, den neuerlichen Revirements in der Messeleitung und nicht zuletzt im Hinblick auf die Spitzentitel für das alles entscheidende Weihnachtsgeschäft. Zwei Entwicklungen waren schon vorher zu wichtigen Messethemen ausgerufen worden: Der Erfolg von jungen, auf wenige Titel setzende Verlagsgründungen wie SchirmerGraf oder KOOKbooks, und die neuen Buchpreise, die der Leipziger und der Frankfurter Messe ab nächstem Jahr neue Aufmerksamkeit verschaffen sollen. Spätestens am Donnerstag mittag, als die Nachricht vom Nobelpreis für Elfriede Jelinek kam, schien es, als hätte die Messe ihre diesjährige Kontroverse gefunden.

          Statt dessen war es der ruhigste Branchentreff seit Jahren. Der künstliche Hype um Prominentenbücher wie die Erinnerungen der achtundzwanzigjährigen Franziska van Almsick hielt sich in Grenzen, keine heiß gehandelten Gerüchte wie der astronomische Vorschuß für Woody Allens Memoiren im letzten Jahr machten die Runde. Selbst Elfriede Jelinek scheint konsensfähig: Klaus Reichert, Präsident der Akademie für Sprache und Dichtung, brachte die begeisterungslose Zustimmung vieler auf den Punkt, als er die Wahl als Entscheidung "für die Politik, gegen die Poesie" bezeichnete.

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