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Frankfurter Bankenviertel : Abschied vom schönen Gestern

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Frankfurter Baupolitik lebt von der Hand in den Mund: Alfred Schilds Bankgebäude von 1950 verschwindet Bild: Torsten Silz

Preis des Wachstums: Am Frankfurter Taunustor fällt mit Alfred Schilds elegantem Bankgebäude von 1950 eine Architektur-Ikone der frühen Nachkriegsjahre. Schon in wenigen Tagen wird nichts mehr von ihr zu sehen sein.

          In Frankfurts Innenstadt gilt es wieder einmal, Abschied von einem eigentlich unverzichtbaren Bauwerk zu nehmen. Doch Abschied ist das falsche Wort. Denn für Verabschiedungen nimmt man sich gewöhnlich angemessene, im Notfall wenigstens ein Minimum an Zeit. Doch das betreffende, 1950 am Taunustor, einem Knotenpunkt des Bankenviertels, errichtete Gebäude wird in Windeseile abgerissen, so eifrig, dass in wenigen Tagen nichts mehr von ihm zu sehen sein wird.

          Wie so oft macht auch diesmal erst der Verlust die ästhetische, städtebauliche und historische Bedeutung schmerzhaft deutlich: Wo an Frankfurts neueren Bankgiganten gibt es einen derart perfekt, römisch-antik verfugten Travertin, wie den des Altbaus? Wo einen so delikaten, zwischen Beige und Lichtgrau changierenden Farbton? Wo noch solche ausgewogenen Proportionen?

          Den Eindruck von Sorgfalt und Eleganz steigernd, hatte der Architekt Alfred Schild 1950 sämtliche Simse und Abdeckungen, das flach geneigte Walmdach und selbst die Regenrinnen des Gebäudes mit türkis patiniertem Kupfer versehen. Die Fassaden gestaltete er nach dem Vorbild des abendländischen Schlossbaus - ein von kräftigen Vierkantpfeilern rhythmisiertes Erdgeschoss mit leicht vortretenden Rechteckfenstern und Portalen, darüber, sparsam und wirkungsvoll von Laibungen konturiert, wird eine Beletage angedeutet, gefolgt von zwei Normalgeschossen, über denen ein von schmalen Fensterbändern akzentuiertes Obergeschoss mit zurückspringender Attika das Ganze abschließt.

          Den ortsypischen Frankfurter Klassizimus fortgeführt

          Großen Wert legte Schild auch auf niedrig ummauerte Terrassen und dezente Stufenfolgen, die den kompakten Bau geschmeidig in das umgebende, üppige Grün des historischen Frankfurter Anlagenrings gleiten ließen. Das 1957 angefügte, neungeschossige Hochhaus - damals eine markante Dominante, heute ein Zwerg -, übernahm Material und Proportionen.

          Verwaltungssitz der „Deutschen Genossenschaftskasse“, die 1949 per Gesetz als „Anstalt des öffentlichen Rechts“ die Nachfolge der „Deutschlandkasse“ von 1932 angetreten hatte, war das Ensemble - dies seine historische Bedeutung - Pionier des Wiederaufstiegs von Frankfurt zur Bankenzentrale. Ästhetisch stellte es die Rückkehr des anmutungsreichen „steinernen Funktionalismus“ dar, dem die späte Weimarer Republik beeindruckende Bauten wie Eduard Jobst Siedlers Erweiterung der Reichskanzlei (1929) oder den Stuttgarter „Zeppelinbau“ (ebenfalls 1929) und Frankfurt das hinreißende IG-Farben-Gebäude von Hans Poelzig verdankte. Wie Poelzig 1929 verstand Alfred Schild es 1950, den ortstypischen Frankfurter Klassizismus in modernen Formen modifiziert weiterzuführen.

          Jahrzehntelang für diverse Nachfolgebanken zurechtgeflickt und verstümmelt, weicht das Ensemble am Taunustor nun dem neuen „Taunus-Turm“, einem Hochhausdoppel mit 170 Metern Höhe, 60 000 Quadratmetern Bürofläche, Steinfassade, hoch-schlanken Erdgeschossarkaden und kessem Pultdach, flankiert von einem 63 Meter hohen Vierkant, in dem fünfzig Eigentumswohnungen untergebracht werden.

          Die Flora, ein glücklicher Fund

          Das Frankfurter Architektenteam Gruber + Klein-Kraneburg bürgt für solide Qualität auf internationalem Niveau. Ob der Neubau, wie der Kommentar des Bauherrn Tishman Speyer, man wolle „Frankfurts Profil mitgestalten“, verheißt, die Einzigartigkeit des Vorgängers erreicht, wird sich weisen.

          Frankfurts zu oft von der Hand in den Mund lebende Baupraxis jedenfalls macht skeptisch. Dass sie eine längere Tradition hat, als man meint, zeigte ein sinnreicher Zufall bei der Sanierung des Deutschen Architekturmuseums. Dort stieß man unter dem Boden der Erdgeschosshalle auf eine barocke Sandsteinfigur der Flora, geköpft, ansonsten nur leicht beschädigt und glücklicherweise mit dem abgetrennten Haupt neben sich. Die Skulptur gehörte zum Park einer Vorstadtvilla des 18. Jahrhunderts und wurde kurzerhand verscharrt, als diese 1911 einer neoklassizistischen Doppelvilla weichen musste, die ihrerseits 1984 von Oswald Mathias Ungers für das Architekturmuseum entkernt und erweitert wurde.

          Die Flora soll in Kürze restauriert im Museum aufgestellt werden - stumme Zeugin des verheerenden Tempos, mit dem Frankfurt, hektischste aller deutschen Großstädte, in immer kürzeren Abständen das Profil wechselt.

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