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Frankfurter Anthologie : Elke Erb: „Mündig“

  • -Aktualisiert am

Bild: dpa

Steht es wirklich so schlecht um das politische Gedicht? Diese Verse zeigen, dass es nicht immer frontal angreifen muss, um zum Ziel zu gelangen.

          3 Min.

          In regelmäßigen Abständen wird die deutsche Lyrik von der Literaturkritik auf ihren politischen Gehalt oder gar ihr politisches Engagement hin befragt, mit meist durchwachsenem bis düsterem Befund: Es steht schlecht um das politische Gedicht. Und: In anderen Sprachräumen steht es darum sehr viel besser. Solche Diagnosen beruhen auf einer bestimmten Vorstellung vom politischen Gedicht in der Tradition von Heinrich Heine, Bertolt Brecht, Heiner Müller. Weniger gesehen werden Gedichte, die politisch zwar ebenso ans Eingemachte gehen, aber nicht frontal angreifen, ihre Gegenstände vielmehr zum Anlass nehmen, etwas über sich selbst – ihre Sprache, ihre Verfasser, ihre Leser – herauszufinden. Die sich dafür interessieren, was man selbst mit all dem zu tun hat.

          „Mündig“ von Elke Erb ist ein solches Gedicht. Im Jahr 1981 geschrieben und dem Schriftsteller Franz Fühmann gewidmet, ist es sechs Jahre später in Erbs Gedichtband „Kastanienallee – Texte und Kommentare“ erschienen. Seine vier kompakten, wiederum vierzeiligen Strophen teilen sich in zwei äußere, in denen die Sprecherin über politische Haltungsfragen nachdenkt, und zwei innere, in denen sie sprachspielerisch das Verhältnis von Natur und Sprache auslotet. Das Ganze lässt an ein nach außen gewendetes Sandwich denken: an den Rändern werden Thema und Gegenstände verhandelt, im Kern die Darstellungsmittel reflektiert. Was sich dort in Sachen Sprache abspielt, wirkt auf den ersten Blick leicht: verschiedene Baumarten, Fingerhut und Füchse, an den Klanggeländern der Wörter entlang, hüpfend, und witzig dazu: „Zum Ahorn!“ Auch ohne Brechts „Gespräch über Bäume“ im Ohr zu haben, das hier wörtlich genommen und dabei demontiert wird, kann man die Verse aber auch als eine Kritik dreier aufeinander aufbauender ideologischer Konstrukte lesen: „Sprache der Natur“, „natürliche Sprache“, „naturgegebene Wahrheit“. Jedes davon wird in diesen wenigen Zeilen am Nasenring durch die Manege gezogen.

          Das Beste, was sich über ein politisches Gedicht sagen lässt

          Die beiden äußeren Strophen beziehen sich auf eine andere Wahrheit, die sich aus sozialer Wahrnehmung und Kommunikation ergibt. Sowohl parteiinterne Abweichung als auch außerparteiliche Opposition wurden in der DDR häufig als „illegale“ oder „konspirative Plattformbildung“ verfolgt; die Rede von „Tränen der Plattform“, die ohne diesen Hintergrund wie eine ungewöhnliche Verknüpfung von Technik, Natur und Emotion erscheint, hatte zur Entstehungszeit des Gedichtes also einen politischen Bezug. Auf dieser Ebene lassen sich die Tränen als Ausdruck eines kollektiven Schmerzes verstehen, der Beschädigung der Zivilgesellschaft durch staatliche Repression. Folgt man den Worten ohne dieses Wissen, könnte das Bild eines Bahnsteigs entstehen, an einem Regentag, voll hin und her eilender Menschen, die mit der Dichterin kommunizieren wie die Tropfen an den Stahlträgern und Scheiben – „ehe sie verlaufen“. Eine solche „kybernetische“ Beschreibung der Gesellschaft würde ebenfalls gut zur Entstehungszeit des Textes passen und liegt ihm vielleicht implizit auch zugrunde.

          Der Blick, das Interesse aber gehen von einer Einzelnen aus. Das zweite den Text leitende Motiv spricht von ihr: „wie die Meinung / mich reute.“ Die „Reue“, die die Sprechende angesichts der Meinung – ihrer eigenen, der Meinung anderer oder schlicht der Existenz von etwas wie Meinung überhaupt – empfindet, reimt über das gesamte Gedicht hinweg auf die „Leute“, die die Sprache im Guten wie im Schlechten tragen. Es ist spannend zu sehen, wie der Reim hier dazu genutzt wird, einen wichtigen Sinnzusammenhang hervorzuheben, während er oft nur ein rhetorisches Mittel ist, einen solchen zu suggerieren. Der Text führt das am Anfang der zweiten Strophe vor: „Ruhe, Ruhe, zur Ruh / spricht die Buche mir zu.“

          Auch wenn die politischen Bezüge des Gedichts heute Geschichte sind, die Beobachtungen und Überlegungen, die es zum Verhältnis von eigenständigem und gelenktem Denken und Sprechen, zur Meinungsbildung in den konfliktträchtigen Konstellationen von Mainstream und Abweichung anstellt, sind unvermindert relevant. Das scheint mir das Beste zu sein, was sich über ein politisches Gedicht sagen lässt: dass es seiner Anlage nach nicht veralten kann, weil es einen existentiellen Konflikt auslotet und es seinen Lesern ermöglicht, ihn in ihrer eigenen Zeit wiederzuerkennen, ihn in seiner ganzen Tragweite zu sehen. Der Anlage des Bandes „Kastanienallee“ entsprechend, folgt auf das Gedicht ein Kommentar der Autorin. Ihr Postskriptum dazu schließt mit dem Satz: „Die Flanken der Individualität, die Meinung heißt, gingen wie brennende Schranken durch mich und lösten die Tränen aus.“

          Elke Erb: „Mündig“

          Die Tränen der Plattform,
          ehe sie verlaufen,
          reden mit mir: wie die Meinung
          mich reute.

          Ruhe, Ruhe, zur Ruh
          spricht die Buche mir zu.
          Ja, lallt die Pappel?
          Was verficht denn die Fichte?

          Fingerhut? Füchse? Nichts
          sagen Birken. Zum Ahorn! was
          ist eine Ahorns-Antwort?
          Und was lispelte die Linde?

          Tränen und Berg und Tal.
          Ehe sie verlaufen,
          die Tränen der Plattform
          reden mit mir wie die Leute.

           

          Dezember 1981
          Für Franz Fühmann

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