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Frankfurter Anthologie : Andreas Gryphius: „Quantum est quod nescimus!“

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Bild: dpa

Eine Anstellung als Professor lehnte er ab. Seine Verse machten ihn berühmt. Vor 400 Jahren wurde Andreas Gryphius geboren. In diesem Gedicht wirkt er mit seinen Erkenntniszweifeln ganz gegenwärtig.

          3 Min.

          Geboren am 2. Oktober 1616 im schlesischen Glogau als Sohn eines protestantischen Pfarrers, hat Andreas Gryphius das Unheil, das der Dreißigjährige Krieg anrichtete, und die politisch-religiös begründeten Verfolgungen und Vertreibungen unmittelbar erfahren; auch er wurde gezwungen, seine Heimatstadt zu verlassen. Erst im niederländischen Leiden, wohin er, wie viele seines Alters, zum Studium ging, erschloss sich ihm, in einer liberalen Atmosphäre, eine neue, intellektuelle Welt. Er lernte einige der bedeutendsten Gelehrten seiner Zeit kennen, darunter Daniel Heinsius, Wissenschaftler und Poet, mit seiner vom Stoizismus inspirierten Gedankenlyrik Vorbild für deutsche Barockdichter. Heinsius hatte sich als Lebensmotto jenen Satz gewählt, der unserem Gedicht die Überschrift gab: Quantum est quod nescimus! – Wieviel gibt es, was wir nicht wissen!

          Trotz des Siegeszugs, den die Wissenschaften im 17. Jahrhundert fortsetzten, blühten Alchemie, Magie und Geheimlehren weiterhin. Gryphius kannte beide Seiten, und beider Gewissheiten stellte er in Frage. „Die Wissenschaft ist Wahn“, heißt es in dem Gedicht „Grabschrift eines hochberühmten Mannes“. Von der Begegnung mit dem Tod, von der Sterblichkeit hat Gryphius wohl schärfer und radikaler geschrieben als seine literarischen Kollegen, in seinen Dramen und in Gedichten wie „Vanitas! vanitatum vanitas!“, „Menschliches Elende“, „Es ist alles eitel“.

          Wissen wir weit weniger, als wir sehen?

          Auf besondere Weise wandelt er sein Lebensthema im vorliegenden Gedicht ab. Hier spricht sich einer direkt aus, dem die Heilsgewissheit, die viele seiner anderen Sonette ausstrahlen, keineswegs selbstverständlich ist. Kann es sein, dass wir durch die Kräfte einer höheren Welt, durch eine „fremde Macht“ erst zur Rührung, zur Empathie befähigt werden? Und soll er, der Sprecher des Gedichts, selbst „bekümmert“ sein, wenn sein „Freund betrübt“ ist und er nicht einmal um dessen Schmerzen weiß? Und soll er „hochbestürzt“ eine unbekannte Angst empfinden, in der er sich sogar gekränkt fühlt und in der er sich verliert, wenn der Körper des Freundes „fault“? Gryphius benennt den Zustand barocktypisch drastisch, er hat das anatomische Theater besucht und selbst Sektionen vorgenommen. Die Leiche auf dem Seziertisch galt als „Exzerpt und Modell des Universums“, als Symbol der Vergänglichkeit des Menschen schlechthin. Gryphius hatte manche Sterbefälle „Anverwandter“ und Freunde erlebt, den frühen Tod des Vaters, der Mutter, im Jahr 1637 den Tod seines Mäzens Georg Schönborner, 1640 den seines Bruders und seiner Schwester; er selbst überwand in diesem Jahr eine schwere Krankheit.

          In den abschließenden Terzetten spielt das Jenseits in die irdische Menschenwelt herein: In den drei Nächten, bevor der Sprecher des Gedichts vom Tode des „Bruders“ erfuhr, hat dieser ihn aus dem Schlaf geweckt und sich „bemüht“, das „unendlich Leid“, die Trauer zu „lindern“. Er hat den Dichter nicht nur auf reale Reisen schicken wollen, sondern ihm, in der Traumwelt zwischen Wirklichkeit und Vision, eine Vorahnung auf Künftiges gegeben, indem er ihn auf Regionen und auf Zeiten verwiesen hat, die jenseits dessen liegen, was wir wahrnehmen. Genannt wird sie nicht, die Ewigkeit, doch bleibt sie auch dem, der nicht „reisen wollt“, Ziel aller Bestrebungen, wie Gryphius nicht müde wird, in seinen Gedichten zu wiederholen. Das In-die-Welt-Gehen erweitert sich zum Aus-der-Welt-Gehen. Am Schluss des Gedichts wird die Eingangsfrage variiert: Ist das, was wir sehen, die ganze Wirklichkeit? Oder wissen wir noch „weit minder“, als wir sehen?

          Gryphius stand eine glänzende Karriere als Hochschullehrer bevor, doch er lehnte Berufungen als Professor nach Frankfurt an der Oder, nach Uppsala oder Heidelberg ab und entschied sich, in das vom Krieg verwüstete Glogau zurückzukehren und dort eine Stelle als Syndikus bei den Ständen anzunehmen, die er bis zu seinem Tod am 16. Juli 1664, mit der Absicht, in dieser Welt Ordnung zu schaffen, verantwortungsvoll und politisch bewusst ausfüllte. Sein literarischer Ruf hatte ihn weit über Deutschlands Grenzen hinaus bekannt gemacht; mit seinen Sonetten hatte er sich in einen europäischen Zusammenhang eingeschrieben. Er war, wie Eichendorff sagte, „ein meisterhafter Sprachverkünstler“. Seine Gedichte, mit ihrem Widerstand gegen die Zeitläufte, berühren, bei aller Formelhaftigkeit und literarischen Konvention, bis heute. In diesem Sonett zeigt er sich, mit seiner psychologischen und erkenntniskritischen Klugheit, ganz gegenwärtig.

          Andreas Gryphius: „Quantum est quod nescimus!“

          Ist’s? oder ist’s ein Wahn! daß Anverwandter Blut

          Sei kräftig, unsern Geist durch fremde Macht zu rühren?

          Soll, wenn mein Freund betrübt, ich mich bekümmert spüren

          Obschon mir nicht entdeckt wird seiner Schmerzen Glut?

           

          Soll, wenn sein Körper fault, mein hochbestürzter Mut

          In unbekannter Angst sich kränken und verlieren?

          Soll mich sein Bild zu Nacht in Lust und Schrecken führen

          Und trösten in der Pein und raten, was mir gut?

           

          Mein Bruder, ehe man mir deinen Tod entdecket,

          Hast du drei Nächte mich aus meinem Schlaf erwecket

          Und mein unendlich Leid zu lindern dich bemüht.

           

          Du hast mir Zeit und Ort der abgelegnen Reisen,

          Da ich nicht reisen wollt, ausdrücklich wollen weisen.

          Ist’s oder wissen wir weit minder, als man sieht?

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