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Frankfurter Altstadt : Was ist zeitgemäßes Bauen?

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Beim Wettbewerb zum neuen Frankfurter Altstadtquartier Dom-Römer gewann Hans Kollhoff, berühmt für seine monumentalen Hochhäuser, einen ersten Preis. Architekturkritiker werfen seinem Haus Historismus vor. Hier antwortet er.

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          In vielen deutschen Städten wollen Bürger ihre vernichteten Altstädte wiederhaben. In Frankfurt haben sie sich durchgesetzt. Dort wird zwischen Dom und Römer anstelle des monströsen Technischen Rathauses der siebziger Jahre ein Altstadtquartier als kleinteilige Mischung rekonstruierter und zeitgenössischer Häuser entstehen. Die Architekten aber zieren sich. „Ist das zeitgenössisch?“, fragen sie. Die Bürger sind offenbar weiter. Sie reißen, wie in Frankfurt, die baulichen Kopfgeburten ab. Dies, obwohl viele von ihnen zu ihrer Zeit als zeitgenössisch gelobt wurden: Sichtbeton, Horizontalität, abgeschrägte Ecken, Hochhausambitionen.

          Trotzdem fordern Architekten, der Altstadtwiederaufbau muss zeitgenössisch sein. Und nicht wenige Feuilletonisten pflichten ihnen bei: Wir tragen ja heute auch nicht mehr Schnabelschuhe. Doch darin klingt Scheinsicherheit. Vielleicht ist nämlich das Zeitgenössische nur das Modische - gestern Waschbeton, heute Glas in Regenbogenfarben.

          Die Frage ist, wie wir als Architekten auf den Unmut der Bürger, der sich zusehends gegen unseren Berufsstand insgesamt richtet, reagieren sollen. Auf die Erfahrung unseres Metiers können wir uns nicht mehr berufen - wir haben sie verspielt und mit Füßen getreten. Dennoch spielen einige von uns diese Rolle weiter, hoffend, sich mittels Abstraktionen durchzumogeln zwischen Skylla und Charybdis, Modernismus und Historismus. „Wasch' mir den Pelz, aber mach' mich nicht nass.“ Das Untektonische aber wird in Stein zum Ärgernis, auch und erst recht in Gestalt eines opportunistischen „Rationalismus“. Ein Rahmen ist eben etwas anderes als Säule und Gebälk, ein Schrägdach mit Giebel oder gar Tympanon ist im physiognomischen Vorteil gegenüber einem Flachdach.

          Mehr Essig als edler Tropfen: Das Technische Rathaus in Frankfurt während der Abrissphase im Oktober 2010

          Es ist nicht vorrangig die herausragende architektonische Qualität der zerstörten Häuser, die zurückgewünscht wird, ja, es ist noch nicht einmal die persönlich erinnerte Stadtsubstanz. Denn nur noch Wenige haben diese vor der Zerstörung erlebt. Nein, es ist etwas, das dem modernen Architekten gänzlich fremd ist, weil es seinem Einzelkämpfertum und seinem Geniekult widerspricht: eine architektonische Konvention, die der Gesellschaft und ihrer Geschichte entspringt. Verlangt wird das, was vor der modernen Revolution zum Wissen um das Architektonische gehörte und über Jahrhunderte hinweg seine Wandlungsfähigkeit bewiesen hat.

          Die Rede ist nicht von Stilarchitektur oder Historismus, sondern von einer Konstante des Architektonischen, die in Traktaten nicht einzufangen ist, weil sie sich starrer Regelhaftigkeit und verbindlichen Normen entzieht. Diese Konstante, deren Grundelement die Tektonik war, reichte, immer wieder verfeinert, bis in die frühe Moderne, ehe sie nach dem Zweiten Weltkrieg insbesondere in Deutschland auf dem Müll landete. Heute beginnen wir zu erkennen, dass eben diese Tektonik ein Bindemittel darstellt zwischen dem Menschen und seinen Artefakten, eine unbewusste Kommunikation. Erst der Verlust dieser anthropomorphen Konstante hat uns ihre Notwendigkeit klargemacht.

          Nichts gelernt aus einem Jahrhundert Architekturdebakel

          Auch das zeitgenössische und Zeitgemäße muss durch das tektonische Nadelöhr, wenn es nicht nur dem Intellekt genügen will, sondern auch den emotionalen Bedürfnissen insbesondere des Stadtbürgers. Anders als autistische Zeitgenossen und Event-heischende Touristen sucht dieser nicht den „Kick“, sondern will in seiner Bauwelt gut aufgehoben und unbelästigt von Eskapaden sein. Die Parzelle und der private Hausbau sind die Grundlage zeitgemäßen Stadtbaus. Nicht mehr Großprojekten global vagabundierender Geldströme wird getraut, sondern einer der Bürgergesellschaft gemäßen, kleinteiligen „Körnigkeit“ der Stadtstruktur, die das Abbild einander respektierender Individuen darstellt, die sich trotz privaten Rückzugs öffentlicher Verantwortung stellen. Auf Tektonik übertragen bedeutet dies das diskrete Aufscheinen des Privaten in der öffentlichen Sphäre. Dafür aber fehlt vielen von uns Architekten der Sinn. Das Gros will mit aller Gewalt den Geist der Architektur in der Flasche halten, um sich den Glauben an die eigene visionäre Kompetenz zu bewahren.

          Die Architekten wollen offenbar die einzigen bleiben, die, getrieben von der Angst, das Ringen um eine moderne Architektur könnte umsonst gewesen sein, aus einem Jahrhundert Architekturdebakel nichts gelernt haben. Doch was sind schon hundert Jahre gegen eine Jahrtausende umspannende Architekturgeschichte? Ein halbes Jahrtausend blieben die edlen Bauten der griechischen Antike unbeachtete Ruinen, ehe die Architekten der frühen Renaissance in ihnen eine aufregende neue Welt der Architektur entdeckten und nach ihrem Vorbild von Verfeinerung zu Verfeinerung die europäischen und amerikanischen Städte errichteten. Grund genug also, sich entspannt einem Glas Wein zuzuwenden, den die Römer auch schon kannten, den wir heute aber unvergleichlich besser machen, obwohl er nicht wesentlich anders hergestellt wird. Ist heutiger Wein zeitgenössisch? Wen interessiert's, sofern er mundet und uns nicht mit genialen Einfällen des Winzers und auch nicht mit Exerzitien korrekter Gesinnung belästigt.

          Ein Architektur gewordenes gesellschaftliches Phänomen

          Aus diesem Blickwinkel zeigen sich Frankfurts Altstadthäuser als edle Tropfen und das nun abgerissene Technische Rathaus von 1972 als Essig. Das haben Frankfurts Bürger erkannt und die Konsequenz daraus gezogen. Nur die Architekten scheinen es noch nicht begriffen zu haben oder aus Opportunismus nicht wahrhaben zu wollen. Nach einem Jahrhundert erfolglosem Erfindungszwang wäre es angebracht, sich auf das überkommene architektonische Instrumentarium zu besinnen. Wenn Neulinge erst einmal kopieren, ist das kein Unglück. Denn durch Kopieren kann man erstens eine Menge lernen und zweitens fügt jeder Kopist unbewusst und zwangsläufig Eigenes in sein Werk.

          Entscheidend ist der Schritt über die rückwärts gewandte Postmoderne der achtziger Jahre hinaus, der Schritt vom Verwenden bloßer historischer Bilder hin zur tektonischen Logik der Architektur. Das werden anfangs tastende Schritte sein. Mit der Zeit aber wird sich ein Ausdruck Bahn brechen, der über individuelle Leistungen hinausweist und als Architektur gewordenes gesellschaftliches Phänomen zu erkennen ist - eine zeitgenössische Architektur.

          Wer heute ein Gurtgesims verwendet, ist kein Neohistorist. Dazu wird nur, wer es als dekoratives Versatzstück verwendet, wie es die Postmoderne oft tat. Wenn aber die Notwendigkeit besteht, einen Baukörper zusammenzuhalten, weil die Öffnungen zusehends größer werden oder die Hausfront immer breiter, ist der Griff nach einem Gurtgesims selbstverständlich. Wenn dieses sowohl trennen als auch verbinden soll, werde ich über Rundungen des Profils nachdenken. Auch das ist nicht historistisch, auch nicht ornamental oder geometrisch, sondern eminent tektonisch und damit das Wesen des Architektonischen, von dem Schinkel gesprochen hat.

          Häuser müssen gegliederte Ganzheiten sein

          Dennoch geraten die Modernisten in Panik, rufen „Historismus“, was heißen soll: „Verräter“, weil sie sich nicht vom Kompositorischen der Moderne lösen, das bestenfalls künstlerisch-skulpturale Bauten schuf, aber keine tektonischen. Dagegen begehren nun die Stadtbürger auf, eben weil sich Stadt nicht aus skurrilen Skulpturen zusammensetzt und auch nicht aus überdimensionierten Gestellen, in denen ich alles aufbewahren kann, Büros, Wohnungen, Autos und Leitzordner. Solange die vermeintlich zeitgenössische Architektur in einer Baulücke sich als das ganz Andere gerieren darf, als Kunstobjekt, das die überlieferte Stadt missbraucht, um sich in Szene zu setzen, aus Vermarktungsgründen oder bloßem Architektenehrgeiz, mag es noch gutgehen. Sobald aber mehrere solcher Objekte eine Straße bilden, breiten sich Chaos oder Trostlosigkeit oder beides aus.

          Deshalb wollen die Stadtbürger alte Häuser zurück. Nicht unbedingt die, die schon einmal dort standen, und auch nicht architektonische Delikatessen, sondern schlicht Häuser, die sich nicht aufdrängen, nicht im Wege stehen und nicht das Leben veröden. Gegliederte Ganzheiten müssen diese Häuser sein, ja, sie müssen erst einmal Häuser sein und nicht Kunstobjekte. In sie kann sich der Bürger einfühlen, hineinversetzen mit seiner eigenen Körperlichkeit. Bei all dem gilt es die Verwendung eines über Jahrhunderte von Architekt zu Architekt weitergereichten verfeinerten Repertoires, das unser kollektives Erbe ist, bereitliegend für zeitgenössische Interpretation und Verwandlung, die dem Unsinn, der heute Architektur genannt wird, endlich ein Ende setzt.

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