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Frankfurter Airport City : Hier wird der Welt gezeigt, was Ordnung ist

  • -Aktualisiert am

Perfektion schon in der Simulation: Die Fassade des Element-Hotels ändert je nach Lichteinfall ihre Farbe. Bild: Neumann Architekten

Mit den Frankfurter Gateway Gardens entsteht eine der größten Airport-Citys Europas. Man kann dort prima arbeiten, im Smart Office und mit Stromtankstelle. Nur leben kann man an einem solch künstlichen Ort nicht.

          6 Min.

          Die Fassade schillert im Sonnenlicht. Ihre Farbe ändert sich, je nachdem, in welchem Winkel das Licht auf sie fällt, und je nachdem, wie man selbst steht. Gerade ist eine Seite des Gebäudes grün, die andere orange. Vertikale, farbige Streifen wechseln mit Fenstern, wie gerillt sieht das aus, wie ein gigantisches Wackelbild, das vom Sonnenlicht hin und her bewegt wird und dabei doch nicht vom Platz rückt.

          Das Element Hotel ist das erste seiner Art in Europa: Es ist ein Aparthotel mit einwandfreier Energiebilanz. Seine Zimmer mit Küche und extra großen Schrankfächern sind auf „extended stays“ ausgelegt, Besuche von Wochen, sogar Monaten. Es steht im Herzen der Frankfurter Gateway Gardens. Etwa 35 Hektar Grundfläche hat das Gesamtareal. Das entspricht 50 Fußballfeldern oder beinahe einmal der Münchner Theresienwiese. Wer sich am Terminal 2 des Flughafens zu Fuß auf den Weg macht, ist in zehn Minuten dort. Fluggäste gelangen nach dem Kerosinverbrauch ruckzuck ins Ökohotel. Per Bus geht es auch, und noch schneller bald per S-Bahn.

          „Wir gehen davon aus, dass es sich bei Gateway Gardens um die größte Projektentwicklung in einer Airport City Europas handelt“, sagt Dietmar Müller, Pressesprecher im Auftrag der Grundstücksgesellschaft. Müller ist ein Mittvierziger mit kurzen, akkurat geschnittenen dunklen Haaren. Er trägt einen Anzug, der sitzt, aber großzügige Gesten zulässt. „In Amsterdam, Wien, Zürich oder auch in München und Düsseldorf gibt es zwar ähnliche Projekte“, fährt er fort, „aber nicht in diesem Umfang, nicht mit dieser Vernetzung, diesem Campuscharakter. Wir setzen ganz neue Maßstäbe.“

          Optimaler Mix aus Arbeit und Entspannung

          Besucher werden von ihm erst einmal mit einer Broschüre versorgt. Auch die schillert, pink und metallic. „Die Vision“ heißt es auf der ersten Seite und weiter: „Sind es nicht immer die gleichen Träume, Ziele und Bedürfnisse, die wir überall auf der Welt teilen? Das Streben nach wirtschaftlichem Erfolg und die Suche nach dem besten Weg dorthin. Die Vereinbarkeit von Privatleben und Beruf. Die Liebe zur Natur und die Sorge um unsere Umwelt. Der Wunsch, die Zukunft mitzugestalten. Warum also teilen wir diese Träume, Ziele und Bedürfnisse nicht gemeinsam an einem Ort?“ Willkommen in Gateway Gardens, willkommen im Global Business Village. Hier ist die Welt noch in Ordnung, nein, mehr als das: Hier wird dem Rest der Welt gezeigt, was Ordnung ist.

          Gäste dürfen zuerst durch die energieeffiziente Drehtür mit Bewegungssensor in den DB-Schenker-Turm. Drinnen gibt es ein Musterbüro zu sehen, ein „smart office“ für den optimalen Mix aus Arbeit und Entspannung; Schreibtische, kombiniert mit Konferenztischen in Wohnzimmeroptik, kleine Kissen schmiegen sich in die Fensterecken, ein Fahrrad mit Retro-Optik und erhöhtem Hinterreifen wartet darauf, zwischen Gesprächen mit Hongkong und New York benutzt zu werden.

          „Wie viele Flugzeuge haben Sie bisher gehört?“, fragt Müller. „Richtig – kein einziges!“ Er antwortet gern auf Fragen, die er selbst gestellt hat. Das Gebäude besitzt eine Doppelfassade, noch bei geöffnetem Fenster wird der Fluglärm reduziert. Die angrenzende Autobahn hört man schon eher.

          Das Beste frei kombinieren

          Die wohl größte Airport City Europas sei auch sein mobilster Standort und einer der werbewirksamsten. Alle Autofahrer am Frankfurter Kreuz kämen nicht umhin, meint Müller, zumindest einen Blick auf die Gateway Gardens zu werfen. Vielleicht auch zwei oder drei, denn viele Gebäude wurden von Stararchitekten entworfen und prunken mit Extravaganz. Von Bilbao kann keine Rede sein. Es gilt ja keine Stadt mit hoher Arbeitslosigkeit und Kulturtief zu retten, sondern nur, das Optimale zu verbessern. Der Gateway-Gardens-Effekt lässt lediglich die Hochglanz-Fassade noch farbig schillern.

          Der DB-Schenker-Büroturm des Frankfurter Architektenbüros Jo Franzke ist auch von außen eine Attraktion. Der Versorgungskern wird von drei Seiten umschlossen, in die, von außen deutlich sichtbar, fünf Wintergärten von je dreißig Meter Höhe integriert sind. Die Gärten verbessern das Raumklima und als Treffpunkt auch das soziale Klima, so die Idee.

          „Organische Architektur“, erklärt Müller. Form follows function, die Form folgt der Funktion, das hätten sie von Saudi-Arabien abgeschaut. Globalisierung bedeutet hier, aus jedem Land der Welt das Beste abzuschöpfen und frei zu kombinieren. Aus Spanien – das erste Restaurant öffnet in wenigen Tagen – haben sie die Küche übernommen, aus Schweden die familiär freundliche Bürogestaltung, aus den Vereinigten Staaten den Sinn für Community und Networking.

          Der Klingelton ein Motorbrummen

          Ein Drittel der Gateway-Fläche ist bereits verkauft, ein Großteil davon bebaut. Neben der schillernden Hotelfassade der Frankfurter Neumann-Architekten gibt es auch eine, die, entworfen von Albert Speers Team, wie grob gewebt erscheint und deren eintöniges Grau regelmäßig von Rot durchbrochen wird, als sei alles ein riesiges Flechtwerk. Hier residiert das HOLM (House of Logistics and Mobility). HOLM ist eine interdisziplinäre Bildungs- und Forschungseinrichtung, die Dietmar Müllers vielbeschworenen „Campuscharakter“ wörtlich nimmt: Das Audimax des HOLM wird Forschern und Logistik-Studenten verschiedener Hochschulen zur Verfügung stehen. Die Studenten kommen gleich mit möglichen Arbeitgebern in Kontakt, die wiederum können von Forschungsergebnissen profitieren – ein System, das Müller meint, wenn er von „Vernetzung“ spricht.

          Etwas weiter, im Gebäude der Condor, schwebt ein Flugzeugrumpf, den man durch große Scheiben auch von außen sehen kann. Aufblasbare graue Notrutschen führen vom Rumpf zum Boden. Hier findet das Sicherheitstraining des Condor-Personals statt. Es ist Teil des Flight-Operation-Centers samt Schulungszentrum mit Flugsimulator. Die Übungen lassen sich scheinbar auch von draußen kontrollieren, von der gesamten netten Gateway Community.

          Hinter dem Condor-Zentrum warten weitere Hotels. Ihre Hauptaufgabe ist es, in Gateway Gardens Treffen von Firmenvertretern zu ermöglichen. „Face-to-face Meetings“ seien auch heute unabdingbar: „Bei den großen Geschäften zählt immer noch der persönliche Kontakt“, erklärt Müller. „Das heißt natürlich nicht, dass soziale Netzwerke, Skype und so weiter ausgeblendet werden sollen, die werden einfach parallel genutzt.“ Sein Handy gibt Laut, der Klingelton ein Motorbrummen.

          Technisch und moralisch einwandfrei

          Seit 2008 wird Gateway Gardens gebaut, 4500 Menschen arbeiten bereits dort. Und einen Lauftreff gibt es auch schon. Die Mitarbeiter joggen gemeinsam durch den Park mit altem Baumbestand und W-Lan. Bald können sie ihre Kinder vor der Arbeit in den Gateway Kindergarten bringen, in der Mittagspause einkaufen, joggen oder Arzttermine wahrnehmen, ohne das Areal zu verlassen. All das kann man in Gateway Gardens tun, vielleicht muss man es sogar, um am Ende wirklich dazuzugehören – nur wohnen darf dort wegen des Fluglärms niemand. Kinder werden also durch den Park laufen, die Logistik-Studenten des HOLM, die lächelnden Mitarbeiter, die Business-Zukunft der Nation, aber kein einziger Mensch im Rentenalter. „Wir schenken Zeit“, sagt Müller lächelnd. „Es müssen keine großen Wege mehr zurückgelegt werden. Wir bieten alles an einem Ort.“

          Nicht nur der Gateway Park ist grün, sondern auch die Bebauung. Sie entspricht durchweg den Kriterien der DGNB (Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen): begrünte Dächer, Bau und Betrieb der Gebäude nach Energiesparvorgaben; Form folgt der Funktion folgt der Nachhaltigkeit. Die vermutlich größte, mobilste, werbewirksamste, grünste Airport City Europas soll außerdem die erste Elektro-Mobilitäts-City Deutschlands werden. Schon jetzt gibt es Stromtankstellen und Mietfahrradstationen.

          Gateway Gardens ist also nicht nur technisch, sondern auch moralisch einwandfrei. Bleibt die Frage, ob seine Bevölkerung es auch ist. Und was passiert, wenn hier jemand ohne Umweltplakette herumfährt, Chicken Nuggets isst und von der Couch mehr hält als vom Joggen. Noch rollt niemand im Elektroauto durch das Viertel. Die ansässige, das heißt arbeitende, Bevölkerung scheint ein Appendix des Flughafenpersonals zu sein. Trolleys werden über Gehwege gezogen, hübsche Damen tragen kleine Hüte und Blazer im Arm.

          Vollkornbrötchen statt Sandwiches

          Zwischen den Menschen im Arbeitsmodus und den Gebäuden mit Special Effects stehen auch ein paar sehr unscheinbare. Es sind niedrige, einfache Reihenhäuser, Reste der amerikanischen Rhein-Main Air Base, die sich 60 Jahre lang über die 35 Hektar erstreckte. Bis 2005 war Gateway Gardens noch „Gateway to Europe“ oder „Little America“, sagt Dietmar Müller der darüber nette, kleine Geschichten zu erzählen weiß. Vom Colonel zum Beispiel, der sein Haus mit einem Untergebenen tauschte, weil er selbst Maulwürfe im Garten hatte.

          Little America soll nicht ganz verschwinden. Die letzten Häuser werden zwar abgerissen, einige ihrer metallenen Eingeweide türmen sich schon hinter Bauzäunen. Aber das ehemalige Pförtnerhäuschen, das Gatehaus, soll bleiben. Gateway Gardens übt sich also auch noch im richtigen Umgang mit der eigenen Vergangenheit: „Unser Gatehouse am nördlichen Eingang ist eine Art Checkpoint Charlie, eine Pforte zwischen Vergangenheit und Zukunft. Auf der einen Seite Gateway Gardens, auf der anderen Seite das ehemalige Little America. Zukunftswelten und das schon unter den Amerikanern existierende Gateway to Europe.“ Müller geht weiter, holt erneut zu großen Gesten aus, erklärt, dass die amerikanischen Häuser allein aus energietechnischen Gründen abgerissen werden müssen. Aber über Barbecues im Park könne man nachdenken, Rock’n’Roll-Partys oder Jazzabende oder alles.

          Dann lädt er zum Kaffee im Bistro ein, das wie ein New Yorker Deli wirkt, nur mit belegten Vollkornbrötchen statt Weißbrot-Sandwiches. Die Vereinigten Staaten, die nach dem Krieg alles besser machen wollten und von hier aus ihre Rosinenbomber starteten, sollen von den Gateway Gardens noch überboten werden. Vollkorn statt Weißmehl, für optimale Performance. Neben der Bistroterrasse sprießt noch etwas Unkraut, aber die Bauzäune sind weit weg. Der Kaffee ist dunkel, dampft so vor sich hin, und das ist beinah merkwürdig. Müsste er nicht schillern? Naturgesetze hat Gateway Gardens wohl nicht außer Kraft setzen können – noch nicht.

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